Die beiden Studenten, junge Franzosen, die auf der damals weitberühmten Universität Leyden den Wissenschaften oblagen, schlugen ein schallendes Gelächter auf.

»Que dites vous de cet embonpoint?« fragte der eine den andern, indem er mit einer spöttischen Gebehrde sein Schnupftuch zur Hand nahm und Miene machte, den Umfang des Herrn van Vlieten zu messen.

»Morgué!« erwiederte der andere; »il l’a volé à une squelette et il tâche à le vendre. C’est pour cela qu’il s’en vante.«

Der Professor aber trat dem zurückweichenden Tobias noch einige Schritte näher, und sagte mit großer Kaltblütigkeit:

»Ich könnte Euch injuriarum belangen, Myn Heer, darüber, daß Ihr Euch ermesset, einen professorem ordinarium der illustern Academie von Leyden als einen unverschämten Gesellen oder gar als einen sinnverwirrten Menschen zu erklären. Aber Ihr habt mir mein Herz gestohlen durch Euere absonderliche Liebenswürdigkeit und eine Sehnsucht in meiner Brust erweckt, die jahrelang darin geschlummert. Ja, Myn Heer, ich liebe Euch! Und wenn das ein junger Fant mit tausend Schwüren seiner Liebsten versichert, so will das bei Weitem nicht soviel heißen, als mein einfaches, unumwundenes Geständniß. Ich liebe Euch wissenschaftlich. Und deshalb wünschte ich: Ihr machtet Euer Testament!«

Den Herrn Tobias van Vlieten überflog es bald heiß, bald kalt. Es war menschenleer auf dem Platze geworden und er sah sich vergebens nach einigen Leuten in der Nähe um, die ihn aus den Händen des Wahnsinnigen, für den er jetzt im Ernst den Professor zu halten begann, hätten befreien können. Von Herrn Jan durfte er wenig Beistand erwarten, denn dieser sah sich auch bereits nach der Flucht um und hatte nicht den Muth, ein Wörtchen zu verlieren, das den zwei jungen Franzosen, die sich trotzig auf ihre langen Stoßdegen stützten, hätte unangenehm seyn können. Er wagte einen großen Schritt um sich aus der Nähe des Professors zu entfernen, aber dieser folgte ihm mit einem noch weit größern und die Studenten vertraten ihm den Weg.

»Hört mich doch nur an!« begann auf’s Neue Eobanus Hazenbrook. »Ich will Euch weder kränken, noch beleidigen; ich will Euch nur einen Vorschlag machen, den Ihr als ein Mann von Einsicht, als ein Verehrer der Musen, gewißlich eingehen werdet. Ich, der hier vor Euch stehende Eobanus Hazenbrook, bin von den edlen großmögenden Heern schon vor vielen Jahren als Professor historiae naturalis und Custos theatri anatomici der erlauchten Lugduner Academie ernannt und bestallt worden. Was könnt Ihr Uebles fürchten von einem Manne in solchem Amte? Von einem Manne, dem irgend ein anderer nur unter einem wissenschaftlichen Rapporte wichtig seyn kann? Doch tretet einige Augenblicke mit mir zur Seite! Das was ich Euch zu sagen habe, muß Euch erfreuen, da es Euch eine höhere Achtung von Euch selbst einflöst, aber nur vier Ohren dürfen es hören und nur unter der dichten Hülle des Geheimnisses kann dieses Werk zum Ruhme der Universität — was sage ich? zur Glorie gesammter Generalstaaten gelingen!«

Tobias gewann bei dieser milden und schmeichelhaften Rede des Professors einigen Muth. Er überließ ihm ruhig seine Rechte, nach der jener gegriffen, und folgte ihm einige Schritte zur Seite.

»Wenn ich Euch, Myn Heer, ersuchte, Euer Testament zu machen,« hob nun der Professor in einem leisen, sehr freundlichen Ton an, »so sollte das nur eine Einleitung zu dem eigentlichen Gegenstande meiner Bitte seyn. Diese besteht nämlich darin: Ihr möchtet der illustern Universität Leyden und namentlich dem theatro anatomico daselbst ein Legat vermachen, das einem längst schmerzlich empfundenen Mangel abhelfen dürfte. Dieses Legat ist aber kein anderes, als das Euerer eigenen, hochwerthen Person!«

Wüthend wollte sich Herr van Vlieten von dem Professor losreißen, dieser aber hielt ihn fest und sah mit mildem Lächeln in das verzerrte Antlitz.