Abt Franziskus setzte seinen Becher nieder, und seine sprechenden Augen schienen tiefer in seine Gefährtin einzudringen, als ihr angenehm war. Dann fragte er bestimmt:
»Sage mir, mein Kind, denkst du an einen Lebenden?«
Da zuckte wieder diese schreckliche Angst in ihr auf, von der sie verzehrt wurde. Erblassend senkte sie das blonde Haupt, und während sie emsig auf dem weißen Linnen herumstrich, da suchte die Gräfin sich der drohenden Beichte durch eine Ausflucht zu entziehen.
»Die Erde ist jetzt voll von Gewalttat und Umsturz,« wich sie unsicher aus, »man weiß oft nicht mehr, welchen Pfad man wählen soll?«
Der Mönch nickte sacht. Er strebte, diese verstörte Seele zu sänftigen.
»Wohl, meine Tochter,« stimmte er mit seiner milden, tröstlichen Stimme zu. »Aber alle Pfade, die der Mensch schreitet, sind Gottes Wege. Darin besteht eben das Wundersame dieses uns geschenkten Lebens, daß sein Teppich so bunt und voller Farben prangt. Der Ewige verkündet seinen Willen nicht nur aus eines einzigen Menschen Mund, sondern gerade im Widerstreit der vielen feindlichen Stimmen will er sich offenbaren. Wer von uns schwankem Rohrgeschlecht darf behaupten, ich allein habe die Wahrheit? ‘Wo ist Wahrheit?’ fragte Pilatus noch immer.«
Sinnend senkte der Mönch sein Haupt auf die Brust, rückte seinen Armsessel herum, und die ersterbende Glut des Kamins warf Flammenspritzer auf die sich stark verbreitende Tonsur des Alten und erreichte auch seine noch dunkelblonden Haarbüschel.
»Sieh,« verlor er sich in das Springen und Laufen der Funken zu seinen Füßen, »auf meiner Heimatinsel Rügen da kannte ich vor mehr als einem Jahrzehnt einen Knaben, ein Kind adliger Gewalt, dem groß Unrecht geschehen. Dieser taumelte wie trunken zwischen Hölle und Himmel, als sei er ein Spiegelbild oder der Schatten der ganzen leidenden Menschheit. Und ich weiß, er rang redlich mit seiner düsteren, grimmigen, lechzenden Leidenschaft nach Wahrheit und Segen, nicht für sich, sondern für die vom Leben Vergessenen und Verfluchten. Aber dann – ehe er das gefunden, was nur einem vorausschauenden Gott beschieden sein kann, verschlang den Ungerüsteten, Unvorbereiteten bereits die Woge der tollen Zeit, und nur ein Gerücht meldete noch von ihm, daß er ein Mächtiger unter den Gesetzlosen und Ausgestoßenen geworden sei. Ich habe ihn lieb gehabt, und liebend gedenke ich heute noch seiner, weil ich ahne, daß er selbst in seiner jetzigen Gestalt ruhelos, wenn auch auf wirren, verworrenen Pfaden dem Wolkengebild der Wahrheit nachjagt. Wo ist Wahrheit?«
Wehmütig lächelnd schwieg der Abt und streckte seine feinen durchsichtigen Hände näher gegen das Feuer aus. So gewahrte er nicht, daß seine Gefährtin von seiner Erinnerung getroffen war, als habe sie eine Faust vor die Brust geschlagen. Atemlos und völlig unvermögend, den Sturm, der sie rüttelte, noch länger zu bestehen, hing das blasse Weib ihre erschreckten Augen an den Mönch und gab sich keine Mühe mehr, sich zu verstellen.
»War das der Störtebecker?« fügte sie mühsam aneinander.