So standen sie eine Weile, und da sich nichts weiter rührte, so begannen sie einander ihren Kleinmut fortzulächeln. Aber seltsam, warum verharrten sie noch immer, um auf einen einzelnen Schritt zu lauschen, der sich langsam, schwer und wuchtig in den langen Gängen vor dem Saal verkündete? Es war natürlich einer der Knechte, der das Licht zu löschen kam. Nur hätte er schneller nahen können, dienstfertiger; gleichviel – – – worauf warteten sie noch? Gemessen drehte sich die große Eingangstür in ihren Angeln, und dann – in dem Saal wurde es still, als ob der Tod eingetreten wäre. Wirklichkeit und Wahnsinn tanzten miteinander. Keiner wagte, auch nur durch einen Luftzug zu verraten, daß hier noch Sinn für die gewöhnliche Ordnung der Dinge atmete.
Auf der Schwelle ragte ein übergroßer Mensch, in einen nassen, schwarzen Mantel gehüllt, die Lederkappe zerbeult in die Stirn gedrückt. Gleichgültig schickte der Eindringling einen raschen Blick in dem Raum umher, dann schritt er ohne Eile, wie ein Bewohner des Hauses, auf die Tafel zu, schleuderte Mantel und Mütze mitten auf den Estrich und warf sich selbst in einen der leeren Sessel. Den Tisch, der ihn beengte, stieß er krachend mit dem Fuß beiseite.
»Schafft Wein und Speise,« befahl er den beiden Leblosen, und als sich die Gebannten nicht regten, stieß er ein kurzes Gelächter aus, ein helles, wohlklingendes Lachen, und winkte lässig. »Ihr da, zeigt fröhliche Gesichter – was steht ihr und haltet Maulaffen feil? – Eilt euch, ihr seid geladen!«
Da rann Leben in die beiden Entsetzensstarren zurück, fieberndes, beißendes Blut, und während die Hausherrin sich gegen den Pfosten lehnte, um die Hand gegen die Erscheinung auszustrecken, als hätte sie dadurch die Macht, diesen wahnwitzigen, wohl nur aus vergifteten Gedanken aufgestiegenen Spuk wieder zu verscheuchen, da wankte der Abt etwas weiter in den Saal hinein, entschlossen, seine geistliche Würde gegen den Niederbruch aller Sitte zu setzen.
»Wer bist du?« rief er, indem er sein Zittern überwand. »Im Namen Gottes und seiner unverbrüchlichen Gebote frage ich dich, was du vorhast und wer du bist?«
Die Stimme verstärkte sich, je kräftiger der Sprecher den Widerhall von den Wänden zurückempfing. Auf den hochgewachsenen, schlanken Eindringling jedoch schien sie jede Wirkung zu verfehlen. Das Bellen eines kleinen Hündchens hätte ihn nicht weniger behelligen können. Der Schein der Unschlittkerzen von dem Rundreifen umflackerte ihn, wie er jetzt den ungeheuren Weinhumpen an sich riß, um ihn ohne Umstände mit beiden Fäusten an seine erhobenen Lippen zu führen. Durstig schluckte er den übrig gebliebenen Trank, es war eher ein Stürzen zu nennen, nur daß sich zuweilen in der geleerten Höhlung dumpf und kollernd sein spöttisches Gelächter fortsetzte. Der feierliche Anruf des Conaer Abtes schien ihn höchlich zu ergötzen.
»Still, keine Predigt, Braunrock,« atmete er endlich auf, während er das schwere Gerät auf den Tisch krachen ließ, und dabei schob er sich, zu neuen Taten bereit, die Lederjacke zurück, so daß weite rotseidene Ärmel zum Vorschein kamen. »Gib Ruhe. – Wer soll ich sein? Ein Mensch bin ich, also ein armselig Ding, das von Gott kaum eine Spur und vom Teufel eine reiche Erbschaft miterhielt.« Er lehnte sich zurück und trommelte mit beiden Fäusten auf dem Linnen herum. »Möchtest aber lieber nach Stand und Namen herumkramen?! Komm, trink mit mir und denk inzwischen einen Witz aus, warum deiner Kumpanei der gemeine Mensch in seiner Armut und Nacktheit einen solchen Schrecken einjagt, du Nachfolger Christi.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, rückte der Fremde ungeduldig an den leeren Schüsseln, blickte hinein, dann wandte er sich und schrie ein paar Namen gegen den Eingang, als ob er eine eigene Dienerschaft mitgebracht hätte. Draußen wurde es lebhaft, man hörte eilige Tritte in den Gängen, und von unten aus den gewölbten Hallen drang undeutlich Frauenkreischen und das Geräusch von Waffen.
»Wird hier gemordet?« zitterte Vater Franziskus.
Der andere horchte gespannt und schnürte die Augenbrauen über den schwarzen Sternen fester zusammen.