Dringender zerrte er den Geistlichen an seinem Faltenrock, denn er wollte ihn zwingen, ihm an den Tisch zu folgen; der aber wich schützend vor die Gräfin zurück und schlug plötzlich beide Hände zusammen. Ein entgeisterter, verzweifelter Blick des Erkennens brach aus den guten Augen des Alten.
»Barmherzigkeit,« flüsterte er schwach. »Claus – Claus Beckera. Du bist's, verbirg dich nicht. Auferstanden aus dem Grabe als blutige Geißel. Als ein vergiftet Saatkorn, von dem die Menschen sterben. Mann – Knabe – deine Eltern, deine Mutter – deine Jugend – «
Im Saale wurde es still. So still, daß man den feinen Streusand auf dem Estrich unter den Füßen der drei Menschen knirschen hörte. Schweigend, unbeweglich stand der Störtebecker dem Mönche zugekehrt, und man hätte glauben können, daß er gelähmt, erschüttert sei durch das Auftauchen jener längst entschwundenen Gestalt. Allein kein Anzeichen kündete dies. Weder reichte er dem so unvermutet gefundenen Freunde die Hand, noch hieß er ihn sonst durch ein freundlich Wort willkommen. Nein, er starrte nur unverwandt in die greisen Züge, bis endlich ein tiefer Atemzug verriet, daß er aus Erinnerung und Abwesenheit zurückgekehrt sei.
»Es ist gut, Alter,« wünschte er halb im Ton des Befehls. »Ich will dich nicht kränken, aber ich kenne dich nicht. Dich nicht, dein Vaterland nicht und vor allem nicht eure Gesetze.«
»Claus.«
»Still, nur in einem trafst du das Rechte. Auferstanden aus dem Grabe, zu einer neuen Sonne, deren Wärme du nicht mehr fühlen kannst.« Ohne eine Antwort abzuwarten, tat er einen starken Schritt auf die Gräfin zu und hob ihr Haupt gewaltsam am Kinn in die Höhe. Die Zusammengesunkenheit des Mädchens schien seinen Hohn zu reizen. »Warum zitterst du, Weib?« fragte er scharf. Spürbarer faßte er sie an, um sie heftig ins Bewußtsein zu rütteln. »Du siehst aus wie eine Heilige,« rief er wild, sich über sie beugend, »und deine Hand krampft sich um ein Kreuz. Flennst du vielleicht darüber, weil dein Hab und Gut sich zu Speise und Trank wandeln sollen für die, so nicht rein und wohlbekleidet sind wie du, Gottselige?«
Da geschah etwas Seltsames.
Weit öffneten sich die blauen Augen des von einem schweren Traum befangenen Mädchens. Abwehrend streckte sie die Hände aus, als wollte sie das Grauen von sich fernhalten, allein, während sich ihr Körper in Erdenqual sträubte, da faltete eine bezwingende, eine ihr ganzes Dasein heiligende Macht ihre Finger zusammen, und über ihre Lippen drängten sich Worte der Demut und des beseligten Gehorsams, wie sie ähnliche niemals vor Altar noch Betstuhl gefunden.
»Nimm, was mein ist,« hauchte sie mit bangem entgeistertem Lächeln. »Da du gekommen bist, die Erde zu reinigen, so geschehe dein Wille.«
»Meine Tochter,« rief der Mönch über diese fromme Anbetung entsetzt dazwischen und griff sich verzweifelt an das betäubte Haupt, »du lästerst, du gute Seele. Erwache! In deine Augen spritzt die goldglitzernde Schlange ihr Gift. Die Verführung, die selbst getäuschte, schaut dir ins Antlitz.«