Wo sich Linda befand, das wußte sie von jetzt an nicht mehr. Mitten in dem wüsten Gedränge wurde sie vorwärts geschoben, ein Schlag traf ihre Brust, krampfhaft gekrümmte Finger krallten sich im Fallen in ihre Locken, Gekreisch und Gebrüll lähmten ihr Gehör, nur eines vermochten ihre entgeisterten Sinne festzuhalten, das goldige Schwertgeflimmer auf dem Bugaufbau. Merkwürdig, dort oben lachte etwas, ein fürchterliches, brennendes Gelächter, das die Nüchternsten umwerfen und toll machen konnte. Ein regelmäßiger Blitzkreis trug sich dort langsam vor, und in jenen sprühenden Reifen wurde alles eingesogen, Freund und Feind, als ob trunkenen Motten befohlen wäre, sich in jenen Feuerstrudel zu stürzen.

Noch ein paar taumelnde Schritte, immer näher, immer überzeugter und verwegener tönte das seltsame Lachen, dann ein gelles Aufkreischen der Angst, wie es Tiere vor dem Schlachten ausstoßen, und scharf von einem Messer zerschnitten, sprang der Faden des Bewußtseins in dem gepeinigten Mädchenhirn auseinander.


Wurde ihre Wange gestreichelt? Oder zupfte man wirklich an ihren Haaren? Deutlicher spürte sie freilich, daß jemand an ihrem Brustlatz rüttelte, aber schließlich war es doch wieder das gleiche, unerklärliche Lachen, durch das sie plötzlich und wie mit heftigem Griff in bekannte Räume zurückgerissen wurde. Verwundert schlug Linda die Augen auf. Ringsum ungetrübte Ruhe, bläuliche und goldene Lichtrinnen wallten langsam über die Teppiche, und über sie, die schwach auf einem Schemel an der Kajütenwand lehnte, beugte sich der riesenhafte Gebieter. Gerade zauste er wieder an ihren Locken, aber es war nicht böse gemeint, denn als er merkte, daß sich das Blau in ihren Augen belebte, klopfte er dem Knaben lebhaft auf die Schulter.

»Gott zum Gruß, junger Kriegsheld,« tönte es der Erwachenden hell in die Ohren. »Nun, was treibst du, Licinius? Hast du genug, mein Bübchen? Schnell, dir widerfährt groß Heil. Blinzele durch den Ausguck. Eben packen wir die Überlebenden vom »Connetable« in ein paar Snyken und schicken sie deiner Königin als Morgengruß ans Bett. Ha, ha, die Dame weiß, wie man solch flinke Gesellen verwendet. Darum hurtig, besinn dich nicht lange, spring zu ihnen. Und morgen hast du bei Honigseim und Würzkuchen all den blutigen Graus vergessen! Nimm Rat an, Kleiner, ich meine es ehrlich.«

Hastig streckte der Admiral den Arm nach der Treppe aus, er schien den Abschied sogleich ohne Rührung noch Zeitverlust zu erwarten. Der Knabe jedoch erhob sich auf zitternde Füße und starrte dem Befehlshaber mit kaum verhehltem Entsetzen ins Antlitz. Das war nicht mehr das edelgebildete Gesicht, das er kannte. Blut floß dem Störtebecker stromweise über die Stirn und verwandelte die stolzen Züge in eine rote Maske. Ein Rinnsal sickerte auch über die gelüftete Brust des Mannes, und unter dem Linnen des linken Armes quoll es unaufhaltsam hervor und zog in klebrigen Streifen über die Schifferhose.

Da wurde Linda von einer unnennbaren Furcht ergriffen.

»Es kostet dich das Leben,« schrie sie schrill und in jäher Verzweiflung auf.

Ja, ja, das war's, das Leben dieses Menschen konnte vorzeitig enden. Aber es mußte ja erst unvergängliche Wurzeln strecken, es mußte höher, weit höher wie andere Bäume emporschießen, um durch Einengung und Schatten hindurch tausend grüne Blätter zum Himmel zu tragen. Auch ihr Leben zitterte an seinem Stamm als solch ein schwirrendes Blatt und bebte jetzt vor Angst, herabgerissen zu werden.

»Es kostet dich das Leben.«