Rascher wehte der Atem des Grübelnden, unbeherrschter zuckten seine Lippen, ein prunkendes, verführerisches Bild trat vor seine Seele. Während er hier saß, um mit immer steigender Bedrückung auf das Plätschern der sich Reinigenden zu horchen, auf ihre derben Scherze, auf das Schlürfen der Trinker, sowie auf das Quäken des tanzenden Affen, da zog es den Träumer fort – es riß ihn auf den Markt. Dort draußen, durch die ausweichenden Haufen schritt der Störtebecker. Über alles Volk hinweg ragte das schmale Haupt unter dem Goldhelm, die gestickten Wappenlöwen schimmerten auf dem blauen Fürstenrock, und als er sich zu der Menge umwandte, da kam der Bann über die Tausende, genau so, wie er den einzelnen hier unterjochte auf der schmutzigen Ofenbank.

Begannen nicht auch markige Glockentöne zu schwingen?

Ängstlich fuhr der Knabe in die Wirklichkeit. Jetzt lauschte er, lauschte mit dem Aufgebot aller Sinne. Nein, es war keine Täuschung. Dort draußen hatte sich das Meer der Stimmen beruhigt, eine atemraubende Stille legte sich über das Gewoge, und was nur ersonnen war, es geschah. Ganz aus der Nähe donnerten Glockenklänge gegen das zitternde Gebäude. Auch unter den Herbergsgästen erstarb jeder Laut, für einen Herzschlag erstarrte alles, um eine Deutung für den Vorgang zu gewinnen, dann aber bäumte sich der Schwall gegen den Ausgang, die Treppen knarrten und wirre Rufe verknäuelten sich: »Der Störtebecker – der Störtebecker.« Polternd stob man auseinander, um den merkwürdigen Augenblick nicht zu versäumen. Licinius griff sich ans Herz, er wankte auf seiner Bank. Die Entscheidung fiel. Jetzt ein Gebet, ein Notgebet; allein die Worte wollten sich zu keinem Sinn mehr verflechten. Statt dessen brodelten aus dem kochenden Fieber immer dieselben inbrünstigen Silben hervor, die er selbst nicht begriff.

»Erlösung.«

Wem galt dieser Wunsch?

Draußen verschwang das letzte Beben der Glocken. Da fühlte Licinius, der noch immer kraftlos gegen die Mauer lehnte, wie sich eine spürende Hand in die seine schob. Erschreckt beugte er sich vor. Zwischen seinen Knien hatte sich der halbnackte Leib der Flötenbläserin aufgerichtet, jetzt streichelte die Dirne ihm vorsichtig das Knie.

»Feins Bübchen,« schmeichelte sie mit einer glatten, liebegewohnten Stimme, »was hast du für ein zartes Gestell? Komm, draußen heckt der Störtebecker etwas Nagelneues aus. Wer weiß, wie voll der großschnäuzige Kerl wieder die Taschen trägt. Ich kenn ihn. Der feilscht nicht lange um Kissen- und Bettpreis. Komm, will ihn dir weisen.« Und ohne sich darum zu kümmern, in welches Taumeln ihr Begleiter verfiel, packte das fahrende Weib die ihr überlassenen Finger und zog den Willenlosen unter spöttischen Ermahnungen die Treppe hinauf. »Munter, munter – hast wohl schon am frühen Morgen Met getrunken? Hier noch eine Stufe! So, und jetzt zum Fenster. Mach Platz, Aaszeug, damit der Junker sehen kann.«

Plötzlich kauerte Linda, eingekeilt in den Drang von Dirnen, Spaßmachern, Wechslern und lichtscheuen Handelsleuten in der offenen Fensterhöhlung, und während ihre Gönnerin schützend den Arm um ihre Hüften schlang, da mußten die Ohren der Halbbetäubten das unsaubere Gewäsch der Nachbarinnen ertragen. Ihren Augen aber bereitete sich zu gleicher Zeit das große heilige Fest.

Unter ihr Kopf an Kopf. Ein Menschensee. Er wogte nicht, er stand ganz still, schwarz und rötlich überlaufen, wie Landseen starren, wenn sich die Spannung des Gewitters in ihnen birgt. Aus allen Fenstern ein Geriesel unerkennbarer Gliedmaßen, bunter Tücher, gefangener Augen, dünne Rinnsale, die in das große Becken hinabflossen. Selbst die Morgenröte hing still an den Mauern. Sie lauschte. Ja, ein Gott zugekehrtes Schweigen schien über die Welt gekommen, so gewaltig, daß Linda erschauerte, als dieses bedingungslose und doch mit Unglauben und Entsetzen gemischte Lauschen auch ihre vorbereitete Seele ergriff. Zitternd, atemlos neigte sich ihr Leib aus dem Fensterrahmen, und sie merkte es gar nicht, wie sie von dem Arm der Dirne dabei fester umschlossen wurde, während ein Paar heiße Lippen ihr ins Ohr tuschelten:

»Dort drüben, Trauter, auf den Stufen, der Große im blauen Wappenrock, ja, das ist der Störtebecker. Sieh nur, wie die Affen ihm zuhören. Pah, ich kenn' den Saufaus! Hudelt uns Weiber herum, als wären wir Werg und Flicken. – Du bist mir lieber.«