Jetzt sprang der Riese empor und schob seinen Gefährten heftig mit der flachen Hand von sich.
»Dulde dies nicht,« bat Licinius noch einmal. »Warum sollst du Tröster gerade deine Nächsten verachten?«
Unterdessen war der Störtebecker bis zu dem eingebauten Bugspriet geschritten, dort, wo die Riesenlaterne als erstes Wahrzeichen des Schiffes bei Nacht ins Meer leuchtete. Hier stand er abgewandt, nagte verdrossen die Lippen und schleuderte zuweilen die Rechte von sich, als ob er irgend etwas Verbrauchtes ins Wasser würfe. Endlich rief er schneidend über seine Schulter zurück:
»Daß es in euren Hirnen nicht anders wachsen will als die Kohlköpfe, in langen, geraden Furchen. So will ich euch denn zeigen, wer meine Nächsten sind? Ob ihr, die ihr an dem Henkerstuhl vorbei mit mir ins Ungewisse zieht, oder jene, die sich unter ihren Schlafsäcken vor mir verstecken! Bei Sonnenuntergang halte dich bereit. Toren und Strohwische,« brach er plötzlich anklagend aus, »möchtet gern fliegen und klebt wie Lehm an den alten Nestern.«
Sie bückten sich tief, als der prunkhaft geschmückte Mann in der grauen Dämmerung an ihnen vorüberwandelte. Da und dort standen die unfreien Sassen auf dem öden Strand, denn von weit hinter den Bergen liefen sie schon seit Wochen herbei, um ihre schreckstarre Sehnsucht an den fernen Schatten der Gleichebeuterschiffe zu weiden.
Zwar die dort draußen waren Satansgelichter! Das Kloster predigte es, der Vogt bestätigte es, die Gottverfluchten wollten die Welt an allen vier Ecken anzünden. Um mehr handelte es sich nicht. Dumm und verständnislos hatten die Sassen dazu genickt. Aber als jetzt der Übeltäter geschmeidig an ihnen vorüberstrich, der Unheimliche, Glänzende, Sagenumsponnene, vor dessen unmittelbarer Gewalt der Abt, der Graf, ja sogar die kleine Herrscherhoheit des Herzogs von Wolgast verblich, da klopfte den Benommenen das Herz bis in die Zähne, da gurgelten ihnen Wut, Erkenntnis, Hingerissenheit durch die Kehlen, da schlug es ihnen den Rücken ein, und sie brachen vor dem Traumbild ihrer müden Seelen in den Staub.
»Du – du,« stammelten sie mit hoch erhobenen Armen.
Selbst der Vogt, jetzt ein gichtgekrümmter, hundebissiger Siebziger, an dessen Schläfen nur noch ein paar zerzauste Weißsträhnen flatterten, er ließ mit offenem zahnlosen Munde das Wunder an sich vorübergleiten und hielt sich mühsam an dem kronengeschmückten Stab aufrecht.
Der Störtebecker aber erkannte ihn sofort. Er maß ihn mit einem mitleidigen Blick.