»Eia,« rief der Störtebecker wohlgelaunt, während er sich in den Sattel schwang, »Frau Fölke weiß, wie man artig schenkt.«
Da lachten die Knechte und raunten untereinander. Bis einer von ihnen sich die schwarze Filzröhre aus der Stirn schob, um sich zu der Auskunft zu bequemen:
»Schlecht kennt Ihr die Fölke, Herr. Noch nie hat sie etwas verschenkt. All ihr Vieh würde hungern, wenn wir es nicht heimlich fütterten. So ist auch dies Roß hier nur geliehen.«
»Potz Velten,« rief der Reiter, der inzwischen sein Tier angetrieben hatte, »so will ich ihr die Mähre in Silber aufwiegen. Gehört mir doch für immer, was mir einmal gedient.«
Der Knabe, der den Zügel gefaßt hatte und nun neben dem Schimmel herschritt, hob versonnen den Blick zu seinem Herrn. So zogen sie über die einsamen Wiesenpfade der Burg entgegen.
Auf dem Kastell der Brokes knisterten an den Wänden des langen Saales die Leuchtfackeln. Der Raum war so niedrig, daß ein hochgewachsener Mann, wenn er sich aufreckte, wohl die schmucklosen Bohlen der Fichtendecke hätte fassen können. Manchmal knackten dort oben die von der Kaminhitze ausgedörrten Bretter, als ob jeden Augenblick ein neuer Riß das Holzgefüge sprengen wollte. Ein Frösteln wehte durch die schlecht erleuchtete Halle. Nur mühsam konnte ein Fremder die im Flackerlicht wechselnden Gesichter der Häuptlinge erkennen, die sich hier auf einen Wink der Fölke zur Beratung zusammengefunden hatten. Wohl waren sämtliche dieser kleinen Burgherren seit Geschlechtern durch bittere Erbfehde, Blutrache und Zerwürfnis voneinander getrennt, allein ihre Gier nach Vorteil und Gewinn fraß dennoch hitziger als selbst der alte Haß. Gebot doch auch der gute, nachbarliche Neid, daß man den Brokes keinen besonderen Nutzen gönnte, zumal der blutlosen, brandroten Fölke nicht, der man wie einem gefährlichen Gespenst den Namen der »Quade«, das heißt der Bösen, zugelegt hatte. Wahrlich, niemand konnte es den Edelingen von Dornum, Norden und Faldern verargen, wenn sie lieber auf Mord und Brand ausritten, ehe sie auch nur eine Stunde der heimtückisch lächelnden Quade Fölke gegenübersitzen mochten, der Witwe des tollen Occo, von dem sie überdies alle, Freund und Feind, ohne Unterschied betrogen, verprügelt und an Land und Leuten geschädigt waren.
Aber die Quade Fölke war schlimmer.
Man brauchte nur den braungesonnten Propst Hisko van Emden zu fragen, der heute gleichfalls mit den anderen Gästen auf einer langen Bank an der rechten Seite des Saales lagerte, während die Fölke mit ihrer Tochter auf einer erhöhten Estrade an der Mittelwand Platz genommen, der wußte Bescheid, woher der Menschenhaß der Hausherrin sowie ihr Vergnügen am restlos Bösen ihren Ursprung ableiteten. Vor dreißig Jahren schier hatte der Pfaff, obwohl er zu jener Zeit von geistlichen Dingen fast noch weniger verstand als heute, den tollen Occo und seine Braut in diesem selben Saale zusammengegeben. Und damals eben geschah das Unerhörte. Auf die gewohnheitsmäßig hergeleierte Frage nämlich, ob das Weib willig sei, fortan mit dem ehrsamen Ritter einen Leib und eine Seele bilden zu wollen, da hatte sich die blasse Braut endlich unter ihrem friesischen Brustschild geregt, um plötzlich ein schneidendes »Nein« hervorzustoßen. Gleich darauf freilich knallte es durch den Saal. Der Bräutigam hatte seiner Verlobten eine Maulschelle geschlagen, daß die Betäubte ihren silbernen Hauptschmuck verlor. Eilig war dann die halb Ohnmächtige getraut worden, wenn auch der in Aufruhr geratene Hochzeitsschwarm genau wußte, warum die Braut sich noch zur letzten Frist so verzweifelt gesträubt hatte. Lag doch zur nämlichen Stunde in einem Turmloch die Lieblingsmagd des jungen Eheherrn, die er nicht von sich lassen mochte, in den letzten Wehen, und als unten zur Mitternacht die Burgfrau von einem Bezechten aufs Hochzeitslager gestoßen wurde, schrie auf dem Turm bereits ein Bastard. Seitdem war die brandrote Teufelsschönheit der neuen then Broke von dem wilden Occo unzähligemal gemißhandelt und verwüstet worden, und so oft sich zur Nachtzeit auf der Burg bis in die spätesten Jahre hinein ein Kreischen und Wimmern vernehmen ließ, dann lachten die Umwohner und sagten:
»Herr Occo geht auf die Freite.«