»Narr, das Feuer dieses Sterns will gelöscht werden. Wer weise ist, errafft noch aus dem Aschenhaufen einen letzten Genuß. Trunk – Weiber – Raub – Neckerei mit dem Tode – das bleibt übrig. Herze mich, mein Knäblein.«
Damit versank er.
Sein Wächter aber lehnte noch geraume Zeit dicht neben ihm an der Wand, und je länger er über Vergangenheit und Zukunft brütete, eine desto herbere Wandlung vollzog sich in dem bleichen Frauenantlitz. Jetzt zeigte es sich, daß in jenem Wesen nicht nur das Göttliche des hingerafften Mannes eine Wohnstätte gefunden, sondern wie auch allmählich die Furchtbarkeit seiner Entschlüsse in ihm Wurzel geschlagen hatten.
Prüfend trat sie näher und versuchte, ob ihr Gebieter noch einmal zu ermuntern wäre. Allein der Riese ruhte, ein Bild finsterer Zerklüftung.
Da sprach sie ihm laut ins Antlitz, als ob er es dennoch vernehmen müsse:
»Du wirst nicht zurückkehren zu den Knechten des Lasters, Claus Störtebecker. In der Unschuld deines Wollens wirst du hingehen. Möge der Himmel dir gnädig sein.«
Eilig bedeckte sie sich mit der Lederkappe des Störtebecker, warf seinen Schafpelz um, und bald glitt ein Boot unauffällig die dunkle Hafenstraße hinab. An der Kogge des Wichbold, des angeblich Kranken, machte es fest. Dort haftete es bis zum Morgengrauen.
[V.]
»Kapaunen – Kapaunen mit süßem Kuchen gefüllt – bringt mir mehr davon! Und du, Stadtwaibel, vergiß nicht den öligen roten Wein,« so schmatzte und schnaufte in einer der braungeräucherten Kammern des Hamburger Rathauses an einem der letzten Septembertage des Heilsjahres 1402 der dicke Wichbold, und in der Wonne über die ausgewählten Leckerbissen, die gebraten und gesotten dicht um ihn herum den Tisch bevölkerten, knöpfte er sich ein paar Seitenknöpfe seines verschossenen grünen Schifferkittels auf und schuf Raum für weitere Genüsse. Neugierig verschlang er bereits mit den Augen einen der roten Hummern, der auf silberner Schüssel liebevoll seine Scheren nach ihm breitete.