»Mit Verlaub, warum nicht?«

»Weil man die Toten nicht besucht. Das Haupt des Michael verwest schon zwischen den Vierpfählen auf unserem Grasbrook[[*]]

[[*]] Die Richtstätte zu Hamburg.

»Aller Himmel Gerechtigkeit,« stammelte der Freibeuter. Offenen Mundes, grüne Fahlheit auf dem schwammigen Fleisch, sank er ohne Einladung in dem großen Lederstuhl zusammen, denn eine düstere Befürchtung für sich selbst ließ ihm die Brust still stehen. Welche Verdienste würden diese Krämer wohl noch achten, wenn sie es wagten, den mächtigsten Seeherrscher der damaligen Zeit, den Verbündeten von Königen und reichen Städten gleich einem gemeinen Straßenräuber der Schmach und dem Schwerte preiszugeben? »Sankt Peter gewähre mir bei der Urständ ein leichtes Erwachen,« stöhnte er geistesabwesend, und seine Angst ließ den Verwirrten nach Rechtsgründen suchen, »gelten denn keine Freibriefe mehr? Der Michael lag mit Euch in ehrlicher Fehde!«

Als hätte der andere keinerlei Einwand erhoben, so stutzte der Bürgermeister kaltblütig weiter an seiner Feder herum, bis er endlich, ohne den Versuch einer Rechtfertigung, den Schwanenkiel fortwarf, um von neuem zu beginnen:

»Tu mir jetzt kund, wer bürgt mir dafür, daß deine Angaben der Wahrheit entsprechen? Hast du ein Zeugnis, wie weit man dir und deinesgleichen trauen darf?«

O, der allerheiligsten Jungfrau sei Dank, jetzt nahte die Rettung. Befreit atmete der Dicke auf, wischte sich die runden Schweißtropfen von der Stirn, und während er hastig und doch unendlich erleichtert ein dünnes Goldkettlein aus seinem Kittel nestelte, raffte er seinen gebrochenen Körper wieder zuversichtlicher empor.

»Hier, Euer Würden,« versuchte er vertraulich zu lächeln, obwohl es immer noch eine angestrengte Grimasse blieb, »dies gab mir eine gar zarte Dirn für Euch mit, damit Ihr erkennt, daß all meine Worte aus ihrem Munde stammen. Schon lange haust sie bei dem Störtebecker, dieweil er ihr schändlich Gewalt angetan und sie auch jetzt sonder Zucht noch Scham in Mannskleidern mit sich schleppt. Ist gar ein Elend, dies fein Ding zu sehn. – Hier – hier – überzeugt Euch.«

Mit zitternden Fingern legte er das Kleinod dicht vor den Würdenträger auf den Tisch.

Herr Nikolaus Tschokke aber rührte sich nicht. Nur von der Seite schickte er einen fast furchtsamen Blick nach dem Schmuckstück aus, um zu prüfen, ob wirklich die Schaumünze an dem Kettlein hing, die Linda einst als Kind aus den Händen seines Vaters empfangen. Und als er die Echtheit des Stückes festgestellt, blieb er unbeweglich sitzen und schloß von neuem die Augen. Nur einmal zuckte seine schon geöffnete Hand von dem Schmuck zurück, als ob Befleckung und Krankheit an ihm hafte.