Allein der Gefangene, zu dessen letztem Gang die Stadt sich so festlich rüstete, er bedurfte weder Gesellschaft noch Aufheiterung. Denn ruhte er zwar auf Stroh in einem lichtlosen Kellerloch unter der Kanzlei, so hockte doch sein Lehrer Wichmann bei ihm auf einem Schemel, und beide zechten bald aus der riesigen Weinkanne, die ihnen der Rat gespendet, bald grölten sie Zoten und Schelmenlieder, daß sich die Wache vor dem Gitterfenster ehrlich entsetzte.
Ein alter graudurchfurchter Stadtknecht schob deshalb seinen Kopf gegen die engen Eisenstangen, damit er die beiden Gerichteten zu ehrsamerem Wandel anhielte.
»Bedenkt, ihr Bösewichter,« riet er wohlmeinend, »wem ihr bald Auskunft erteilen müßt. Sollen eure Schandmäuler dort droben etwan noch vor Unflat überfließen?«
Da nahte sich dem Gitter die riesige Gestalt des Störtebecker, und im Licht einer Laterne erschien das hochmütige, wenn auch jetzt totblasse und verwüstete Antlitz. Unwillkürlich fröstelte es den Stadtsoldaten vor diesem noch immer schrecklichen Bild gestürzter Größe.
»Du irrst, grauer Rostfleck,« antwortete der Seefahrer heiser. »Weißt du nicht, daß wir an der Tafel des Schwarzen obenan sitzen werden? Dort unten ist ewige Freude, Trunk, Hurerei, Fraß, Diebesglück und erzielte Übervorteilung. Alles, was hier nur halb gelingt. Wer die Welt verständig umzukehren weiß, der gewinnt's! Geh, küß deinem Pfaffen den Hintern, vielleicht findest du's.«
»Gott erbarm' es sich,« stöhnte der Alte.
Darauf juchheiten die beiden und pokulierten weiter.
Allein je schläfriger es auf dem Gange wurde, je eiliger die Nacht vorrückte, desto mehr verstummte auch der grelle Singsang der Schuimer, und allmählich erkannte der schildernde Hellebardier nur noch aus dem Rascheln des Strohs, daß dort drinnen ein Schlafgemiedener seinen Weg suche.
Schon spät war's, als der Störtebecker, nur kümmerlich von dem hereinzitternden Strahl getroffen, vor dem blonden Zwerglein Halt machte. Das pfiff leise vor sich hin und schierte sich um nichts.
»Heino,« schickte der Admiral stockend in die Dunkelheit hinab und holte etwas Versenktes aus sich hervor. »Mein Freund, mein Bruder, sprich, wie denkst du dir unsere nächste Reise? Nicht als ob es mir leid wäre, aber es plagt mich, ob man Ufer spürt oder nur Fahrt – Fahrt? Ob man nur Schiff ist, oder auch Steuerer?«