Geraume Frist mochte er so gelegen haben, er wußte genau, daß seine Seele nicht vom Schlaf umwölkt sei, da er den heißen Blick seiner Augen spürte, die angespannt die schwarzen Striche des Gitters einsaugten. Eben noch war der Schatten des Stadtsoldaten über sie hinweggeglitten – da – der Riese runzelte die Stirn und hielt den Atem an. Da drängte sich ein hustendes grünbleiches Haupt gegen die Stangen, und ein rotgrauer Wirrbart quoll hindurch.
»Was willst du?« murmelte der Wache, ohne sich seiner Lähmung entreißen zu können. »Geh, du Hauch, mich schreckst du nicht.«
Jedoch das Haupt des alten Claus Beckera wich nicht, es fing vielmehr an, gehüstelte Worte zu speien, ganz so, wie er es im Leben gepflegt.
»Armes Kind,« brummte er in seinem hohlen Baß, »war dein Unglück, daß du zu uns gehörtest, ohne unser zu sein. Seidene Kleider, Ringe, Ketten in der Fischerhütte, Rache am Glanz, Gier nach dem Glanz – wehe!«
Das Gesicht nickte und verging. Aber vor dem Gitter war es lebendig geworden, lautlose Scharen wehten vorüber, bis sich abermals zwei Hände in die Stangen einhakten. Funkensprühend flimmerten die Haare der Becke hindurch.
»Liegst du endlich auf dem Mist, mein Schöner? Bin auch dort verfault. Hat kein Hund mit mir Mitleid gespürt, sondern haben in mir gewühlt und geschunden, damit meine Armut das einzige hergeben sollte, was ich besaß. Ist so im Leben. Gelt? Lust und Vergnügen kümmern sich nicht um das Erbarmen! – Wehe!«
Draußen erlosch das Geflimmer, als wäre es von dem Laternenschein eingeschluckt, und der Zug der Schatten stob weiter.
»He, du Menschensohn,« kreischte plötzlich eine hitzige Stimme, und in der Höhlung dämmerten die blutlosen Züge des Iren Patrick O'Shallo. Ein Strick schlotterte ihm um den Hals, und die Zunge fiel ihm oft aus den Zähnen. »Ist dir nicht der Henker prophezeit? Wer hat sich wie du an der menschlichen Schwäche versündigt? Meinst du, das Elend ließe sich in eine Form pressen von einem Ehrgeizigen? Du Vergewaltiger schlimmster, du Säufer von unserem Schweiß, der Narren oberster fährst du von hinnen. Zu spät. – Wehe!«
Der Störtebecker gedachte sich in seinem Sarge zu rühren, um sich gewaltsam zu erheben, allein er vermochte keinen Finger zu krümmen. Starren Blickes mußte er erkennen, wie sich gewichtig ein ander Haupt vor die Öffnung rückte. Düsterblond rahmte ein Ringelbart die braunen Wangen ein, und die großen Augen schauten ernst und trauervoll.
»Verlorener Bruder,« hob die markige Stimme des Gödeke Michael an, »was hast du für den Treubruch erkauft? Wem hieltest du dafür dein Wort? Hast die gültigen Gesetze der Menschenbrust verrücken wollen. Aus böse gut machen, aus Neid Hingabe. Und errietst nicht, wie auch die Laster Sinn und Zweck kennen. Verirrter im Nebel, wer bist du, da doch nur ein Stärkerer dies alles sondern kann.«