»Hier läßt sich's wohl sein,« bestimmte Heino beinahe herrisch. Dann schlug er ein paarmal gewaltsam gegen die Bohlen der Holztür. »Macht auf, Menscher! Es gibt fürnehme Leute.«
»Eia,« rief eine helle Stimme, als die beiden Ankömmlinge eintraten. Eine blaue Wolke von Kiendampf wälzte sich ihnen entgegen. Hinten aus dem umnebelten Ziegelherd tanzten für die Nacht bereits unruhige Flammen, und in ihrem springenden Flackerlicht richtete sich mitten von dem Estrich, wo sie bisher gelegen, eine junge Dirne bis zur Brusthöhe empor, stützte sich auf die Ellbogen und ließ ihre neugierigen grünblauen Augen musternd auf den beiden Männern ruhen. Allein bald mußte sie einzig von der unberührten Schönheit des großen schlanken Burschen gefesselt werden, von seiner deutlich bemerkbaren Scheu und Unruhe, denn sie ließ eine gelbe Katze, mit der sie bis dahin offenbar zur Ergötzung der Gäste eine kosende Neckerei getrieben, von ihrem Schoß herabspringen, setzte sich auf der Diele zurecht und wiederholte mit allen Zeichen der Befriedigung noch einmal:
»Eia.«
»Becke,« ermahnte eine rauhe Weibsstimme, deren riesenhafte starkknochige Besitzerin neben dem Herd hockte, wo sie unausgesetzt eine Holzkelle in dem Kupferkessel herumwandern ließ, »wie oft muß ich dir sagen, du sollst nicht herumliegen und faulenzen, wenn gute Herren kommen? Bei Gott, ich dresche dir noch den Buckel voll.«
»Haltet Euer Maul,« widersprach das Mädchen völlig ungerührt und streckte der Wirtin sogar die Zunge entgegen. »Hat Euch der Stadtschreiber nicht erst neulich bedeutet, daß der Rat mich nicht missen will? Wer seid Ihr ohne mich, Ihr garstige Hexe?«
»Nun, mein Püppchen,« schluckte das Weib am Herd und schlug sich mit der Linken auf die gewaltige Brust, als ob sie dort ihren süßsauren Grimm einmauern müßte, zumal ihre übrigen Gäste, die unter einer tiefen Wandeinbuchtung saßen, bereits aufmerksam zu werden begannen. »Es freut mich weidlich, weil dir der Rat so wohlgewogen ist. Mußt aber auch hübsch auf dich aufpassen, damit es lange dauert. Und nun, mein Engel, steh auf und erkundige dich, was den Herren willkommen sei? Ein Krug Met? Oder Mostwein? Oder ein heißes Süppchen? Oder gar etwas anderes? Wir werden es an nichts fehlen lassen.«
Damit zwinkerte Frau Sibba, die Wirtin, mit ihren blau unterlaufenen Augen, die gerade noch hinter dem schmutzigen Kopftuch hervorglotzten, nach einer kleinen Nebenkammer, in der Claus nichts als ein zerwühltes Strohsacklager wahrnahm. Von der Decke schaukelte eine trübe Ölleuchte in einem halbzerbrochenen Scherben herunter, und ganz im Gegensatz zu all der Dürftigkeit war über das Fußende des Bettgestells ein rotseidener Fetzen mit eingewirkten Goldfiguren geworfen. Ein sichtliches Zeichen dafür, wie dankbar irgendein unsteter Seemann von hier geschieden.
»Steh auf, mein Täubchen,« ermunterte die Wirtin nochmals mit ihrer harten Knechtsstimme, denn die stumme Verzauberung der am Boden gefesselten, zottelhaarigen Becke dünkte ihr zu viel Ehre für zwei armselig gekleidete Fischer. Was konnten solche Netzflicker auch anderes als ein paar erbärmliche Pfennige in ihren Ledertaschen bergen? Wie hoch stieg indessen das Befremden der Hausmutter, als der kleine strohblonde Ankömmling mit einer zwischen Frechheit und Herablassung schwankenden Gebärde, wie wenn das Haus und die Kammer, die Weiber und die Atzung sein unbestreitbares Eigentum wären, sich zu der liegenden Dirne niederwarf, um sie dort vertraulich zu umschlingen und der Überraschten einen Kuß auf den entblößten Busen zu pressen.
»Wonnige,« schrie Heino Wichmann schallend durch den gedrückten Raum, »Wonnige.«