Mit herb verzerrtem Munde schaute der Steuermann auf den in wilden zuckenden Feuern Verglühenden hinab.
»Wer?« wiederholte er, und in seinen zwiefarbigen Augen funkelte etwas wie die Befriedigung über ein endlich erreichtes Ziel. »Wer ihnen das alles gab, mein Cläuslein? – Ihr Wille.«
»Und wir?« stammelte der Junge in Enttäuschung zurücksinkend. »Gib auch uns eine Hoffnung!«
»Wir? Wir suchen nach unserem Willen.«
»Suchen?«
»Aber wenn wir ihn gefunden haben,« sagte der Kleine unheimlich leuchtend, »dann werde ich mir im Papstornat des Kaisers Tochter zur Buhlschaft laden, und du, Bübchen, magst meinetwegen auf dem Sinai stehen, um neue Gesetze in die Tafeln zu graben.«
So fuhren sie noch manche Stunde in das Meer hinaus. Der Magister das Steuer in seinen feinen Händen, und auf die Schulter des Freundes gestützt der Junge, das Haupt unabänderlich dorthin zurückgewandt, wo nur noch der sich niederwölbende Horizont die Küste verriet. Längst war sie hinter den ruhig tanzenden Wellen versunken, und doch zauberte sich der Sassensohn unaufhörlich das kleine Stückchen gelben Sandes vor und auf ihn hingelagert das tote Mädchen, dessen offene Augen auch jetzt noch verständnislos auf Leben und Vergehen zurückblickten. Abermals schlug ihm das Herz wie eine Trommel, die zum Kampf fordert.
Allmählich sank der Tag, die Wogen wanderten breiter daher und ihre Hügel bedeckten sich im Widerspiel des Mondes mit tausend unruhigen Silberameisen. Gegen das Bugspriet aber schwoll das Ungewisse, der Dunst, das Geisterreich des Nebels tat sich auf. Da – gerade als Claus an Gefahr zu glauben begann, da nahm er wahr, wie sein zwerghafter Gefährte plötzlich gegen alle Regel das Steuer freiließ; im nächsten Augenblick war das Segel herabgerissen, und dann – in dem Tor der Dämmerung spielten verwunderliche Zeichen auf und ab. Ein rotes Licht tanzte hervor, ein grünes schoß darüber hinweg, eine seltsame Zwiesprache huschender Feuerchen wurde daraus. Und ehe der schreckgebannte Zuschauer seinen Gefährten noch anrufen konnte, da hatte der Magister hastig in seinen Gürtel gegriffen, und gleich darauf schwang sich schrill und gellend ein nie gehörter Pfeifentriller über die Flut. Der weckte in dem Qualm einen ähnlichen Laut. Nur vielstimmig, verzehnfacht kam es über die Fläche geschwirrt, und nun schwoll auch schwarz und turmhoch die ungeheure Brust heran, aus deren Tiefen dieses unheimliche Gekicher ausgestoßen wurde. Unvermittelt starrten zwei sonnengroße Augen auf die Meerfahrer nieder, rot und grün, eine breite Treppe fiel an dem hohen Bau herab, und wie im Traum fühlte sich Claus von den willensstarken Fingern seines Führers über die Stufen gezerrt.
An Bord des Schiffes – eines drei Stock hohen, wie es der Junge vordem niemals geschaut – wurde es hell. Eine Laterne wurde ihnen vor das Gesicht gehalten, ein Schwarm bärtiger, verwegener Gesellen umdrängte die Fremden, und eine starke Stimme schrie nicht eben freundlich:
»He, ihr Vögel, wer hat euch unseren Pfiff beigebracht?«