»Hör auf,« rief die Königin betroffen, die plötzlich wieder völlig der Erde gehörte und ganz genau begriff, daß sie ein armes, ausgesaugtes Volk zu leiten hätte, Bürger und Bauern, die noch vor ein paar Jahrzehnten aus angeborener, verbitterter Gemütsart nichts als schwarze Trauerkleider getragen. »Schnell, Herr Henning, welchen der Condottieri wollt Ihr mir bringen?«
»Meidet den Michael,« riet der Reichshofmeister bestimmt, und über sein verschrumpftes Antlitz breitete sich der Abglanz von List und Weltkenntnis, »laßt ihn beiseite. Ein kühler, wortkarger Mann – ein Rechner und Überlegter, der nie eine Dummheit begeht. Solche Menschen taugen nicht für Frauenüberredung. Wählt den anderen, wählt den Störtebecker.«
»Was ist das für einer?« fragte die Königin unbefangen.
Die beweglichen blauen Augen des Kanzlers tasteten noch einmal über die aufgerichtete Frauengestalt. »Ein Flackerfeuer,« entschied er sich endlich. »Alles an ihm ist Glanz, Pracht, Abenteuer und Überraschung. Die Einbildung seiner Leute hängt an ihm. Und was gilt's, in seinem eigenen Hirn strahlt beständig ein Regenbogen. Wer weiß, eine königliche Frau wie Ihr könnte ihn weit verlocken.«
Um den breiten Mund Margaretas wollte ihr einfangendes Lächeln gleiten, da begannen aus der Stadt auf einmal dunkle und helle Glockenwogen zu schwingen, und im gleichen Augenblick senkte die Fürstin ihren Blick auf den Estrich, faltete die Hände und entschied ruhig:
»Nun wohlan, Euer Wille geschehe. Morgen nach der Messe wollen wir den Hauptmann empfangen. Sorgt für ein würdig Geleit. Und vergeßt nicht, wie Eure Freundin wieder einmal eine Stunde der Demütigung auf sich nimmt. – Geht!«
In der Admiralskajüte auf der »Agile« ging es hoch her. Der Fürst des schweifenden Volkes gab dort seinen berühmten oder berüchtigten »Umtrunk«, und der Reichshofmeister, der gekommen war, um die Einladung seiner Königin zu überbringen, mußte immer von neuem an sich halten, damit er nicht dem fremdartigen Zauber der Umgebung unterliege. War das etwa einer der engen, dumpfigen Kästen, die sonst tief unten im Bauche auch der geräumigsten Schiffe zur Behausung von Menschen benutzt wurden? Nein, bei allen Heiligen, hier hatte ein kühner, ausschweifender, berauschter Sinn aus allen Winkeln der Erde das Erlesenste zusammengetragen, damit es fortan dem Ergötzen, der Wollust und der prunksüchtigen Ruhmbegierde eines ungebändigten Geistes diene. Noch einmal vor seinem Aufbruch, dem er längst begehrlich zudrängte, musterte der dürre alte Mann, der auf seinem hohen, brokatgepolsterten Stuhl, schwächlich zur Seite geneigt, mehr hing als saß, all den verschwendertollen Reichtum dieses kleinen, durchaus nicht niedrigen Saales. Und der selbst begüterte und verwöhnte Adlige mußte sich zwingen, von all jenen bunten Teppichen, köstlichen Schränken, Truhen und blitzendem Gold- und Silbergerät sich wieder zurückzufinden zu den fünf Männern, mit denen er an dem festen Tisch den Abendtrunk teilte. Es hielt schwer, sich eines nüchternen Endzwecks bewußt zu bleiben. Grünblaue, flämische Wirkereien stellten an den Wänden das Leben des Achill dar, und überall, wo sie zurückgeschoben waren, drängte sich wuchtiges Tafelwerk hervor, regelmäßig und erhaben in Felder eingeteilt und wuchtig aus dem dunklen Grunde herausgearbeitet. Ruhebetten und golddurchwirkte Kissen in allen Ecken; und mitten von der Decke schaukelte eine mächtige Eisenlaterne, in deren Hornblenden anmutiges Nymphenspiel geschnitten war. Verschwommen und dämmernd fiel der gelbe Schein aus der Höhe herab. Das Besondere aber verliehen diesem fürstlichen Raum die vier bunten Fackelstandarten, die an den Enden der Eichentafel angeschraubt waren. Hell und blitzend funkelte hier das Licht der Öllämpchen aus den seltenen venezianischen Gläsern heraus und streute kringelnde, unbestimmte Farbenflecke auf die ungleichen Zecher. Dazu hüpfte vom Verdeck des Schiffes eine feine Musik über die Stufen der breiten Treppe, denn die Flötenbläser und Harfenisten der Freibeuter begleiteten von oben her die Freuden ihrer Gebieter unermüdlich mit Tanz und Reigenspiel.
So hatte es der junge, schöne, stets alle Sinne blendende Admiral gewollt, und deshalb betete das schweifende Volk ihn an, mehr wie jeden anderen, weil er die lichte Vollendung bildete ihres eigenen, aus allem Herkömmlichen herausgefallenen, auf- und abschwankenden Abenteurerdaseins.
Nimmer konnte der Drost seine Aufmerksamkeit ablenken von der hohen geschmeidigen Gestalt des Wirtes. Wie der etwa dreißigjährige, von schwellender Gesundheit durchflutete Mann ihm in dem rotseidenen Prachtwams gegenüberlehnte, die linke Hand spielerisch auf einen winzigen Dolch gestützt, während die rechte in malender Bewegung von Zeit zu Zeit seine meist leidenschaftlich hervorgestoßenen Sätze begleitete, da mußte sich der abschätzende Beobachter gestehen, daß Sage und Gerücht die Anmut, ja, den Zauber dieses gefährlichen Seelenfängers eher unterschätzt hätten. Die flammend schwarzen Augen sprühten jedem Genossen eine heitere unbekümmerte Wärme ins Herz, auf der hohen Stirn wechselte bald ein unnahbarer Stolz mit blitzender Gedankenarbeit, und das braune Lockenhaar zitterte oft, wenn die eigene Bewegung den Admiral fortriß.