»Gehabt Euch wohl, hochedler Herr, und sorgt nicht um Euren Abzug. Den Kriegsobersten lasse ich die Treppe hinauftragen.«

[II.]

Das Glöckchen der Kapelle läutete noch sacht, da knarrte das Tor in der roten Schloßmauer, und über den hölzernen Pfad der Brücke bewegte sich ein Zug von unerhörter, einzigartiger Pracht. Draußen vor den Wällen blieb ein dichter Schwarm zusammengelaufenen Volkes zurück, der winkte dem einziehenden Freibeuterfürsten mit Tüchern und hocherhobenen Händen unermüdlich seine Grüße nach. Denn das arme Volk liebte jene streifenden Gesellen, von denen es um billigen Preis Lebensmittel, Kleidung und Zierat aus fremden Ländern einhandelte. Und es billigte auch das seltsame Freigericht der Seefahrer, weil der Übermut seiner Großen davor zitterte. In einer rechtlosen Zeit bildeten diese Urteile ein letztes märchenhaftes Wunder, beinahe wie die Tröstungen der Religion.

Im Schloßhof glitzerte es. Den Sonnenstrahlen sprangen Lichtfunken aus einem Goldharnisch entgegen. Kein rechtmäßiger Völkerhirt, noch weniger ein Untertan hatte jemals in solchem, an Wahnwitz streifenden Glanz diese Stätte betreten.

Hinter ihrem Fenster beugte sich Königin Margareta vor. Obschon sie bereit war, etwas Außerordentliches zu erleben, so ließen die Schönheit des wilden Prunkes sowie die ragende Würde und die schlanke Stattlichkeit des bestaunten Besuchers ihre Spottlust zuvörderst verstummen.

Langsam und wie um einen dort hängenden Traum abzustreifen, fuhr sich die Frau über die ganz von Licht und Blitz erfüllten Augen, und ihre Stimme klang weniger klar als sonst, da sie sich zu ihrer mädchenhaften Gefährtin kehrte, die allein mit ihr den engen Raum des Arbeitszimmers teilte. Es war die einzige Hofdame, die die Fürstin sich ebenbürtig wähnte, denn Gräfin Linda von Ingerland entstammte einem norwegischen Urgeschlecht, von dem schon die Lieder der Edda sangen. Gott Thor selbst hatte ihrer Sippe einen roten Hammer als Zeichen seiner Gunst in die Schwelle geschlagen.

»Sieh dort, meine Tochter,« wies die Regentin unsicher, und es schien, als ob sie sich durch Menschenworte selbst zur Besinnung bringen möchte, »der kurze purpurblaue Waffenrock. Wie er von Gold starrt! Und welche Königsgestalt,« zögerte sie weiter. »Ich sah nur einmal einen Mann in gleicher Rüstung, König Wenzel zu Prag. Aber der war kurz und dick,« besann sich ihr abschätzendes Urteil sofort.

Doch das blonde Mädchen wurde von keiner Neugier erregt. Frostig, abweisend griff es nach einem langen schwarzen Kreuz, das über seiner weißen Gewandung nonnenhaft herabhing. Die Bewegung schien geeignet, einen nahenden Spuk zu vertreiben.

»Was kümmert es uns,« entgegnete sie, wie eingehüllt in das starre Leichenhemd einer Heiligen, »woher der unselige Mensch seinen Schmuck geraubt hat?«