Die beiden Männer warfen sich einen bedeutsamen Blick zu, dann aber schüttelte sich der schmächtige Offizier, und während er die deutschen Bürger, die sich schon unter dem Hauseingang drängten, durch eine Handbewegung zum Warten aufforderte, da schien der vornehme junge Mensch seinen Entschluß gefaßt zu haben:
»Ich glaube es verantworten zu können,« rang es sich willenskräftig von seinen zuckenden Lippen, »wenn Sie und die Dame« – hier verbeugte er sich leicht – »die heutige Nacht gleichfalls im Hotel Moscau verbringen. Ich hoffe, Sie werden mir Ihre Bewachung weder schwer machen,« lächelte er, »noch verübeln! Morgen freilich –« er zuckte die Achseln – –
»Oh, ich verstehe,« rief Konsul Bark, ganz glücklich, wenigstens noch für ein paar Stunden der drohenden Einkerkerung entgangen zu sein, von deren Schrecken er sowohl durch Lektüre, als durch allerlei mündliche Schilderungen genügend unterrichtet war. Und schon, während er mit den anderen das kleine Vestibül betrat, da wälzte sein lebhafter und unternehmender Geist bereits allerlei Pläne, wie er sich und das hübsche, ahnungslose Mädel allen weiteren Anfechtungen durch ein unbeobachtetes Entweichen entziehen könnte. Denn eine Flucht mußte er bewerkstelligen, ganz gleich, ob er dem jungen Balten für die bewiesene Rücksicht verpflichtet war oder nicht; diesen Versuch schuldete er nicht nur der eigenen Freude am Dasein, sondern auch hundertfach seiner lieben, frischen Begleiterin, deren unaufdringliche Heiterkeit ihm zu einem gar nicht mehr entbehrlichen Trost geworden. Einen bewundernden Blick warf er auf den Rotkopf, der sich hier in dem unordentlichen Vorraum und umgeben von den sorgenbeschwerten älteren Herren doppelt anziehend unter seinem anspruchslosen Lackhut und in seiner schlanken Gertenhaftigkeit ausnahm.
Dann griff der Kaufmann instinktiv an seine Brust. Gottlob, die Brieftasche mit ihren knisternden Geldscheinen befand sich noch am rechten Ort. Und Rudolf Bark wußte, welch ein mächtiger Verbündeter diese bunten Blätter im Reiche des weißen Zaren zu sein pflegten.
Sie traten in die Gaststube.
In dem mit Stuck und Portieren überladenen Raum befanden sich ein paar lange, weißgedeckte Tafeln, und an ihnen hatten sich eine Anzahl höherer Offiziere, sowie die Spitzen der Behörden mit ihren Damen gelagert. Eine Reihe von Zeitungen wanderten von Hand zu Hand, man las sich einzelne besonders wichtige Nachrichten vor, man stieß auf die Gesundheit des Großfürsten an, man lachte und strahlte, denn aus all jenen Neuigkeiten verkündete sich immer wieder die eine felsenfeste Gewißheit – die Feinde Mütterchen Rußlands und seiner Verbündeten, sie lagen am Boden, sie zappelten und verröchelten unter dem Schwert ihrer Bedränger, man schlug sie einfach »mit Mützen tot«. Dieses Scherzwort hatte besonders ein untersetzter, stiernackiger Generalleutnant geprägt, der am Kopfende der größten Tafel präsidierte und dessen von vielen Ringen geschmückte, fleischige Rechte unaufhörlich verschiedenartig gefärbte Liköre zu dem von Hitzblattern entstellten Antlitz hob. Seine verkniffenen Augen schwammen förmlich in Gutmütigkeit und Wohlbehagen, als er die Reihe der ihn feiernden Damen musternd, in prasselndem Kehlbratenton herunterrief:
»Sie können es mir glauben, meine Damen, mit den Mützen. Beachten Sie bitte den tieferen Sinn in diesem Wort. Ich bin stolz darauf, in einem Rapport an Se. Kaiserliche Hoheit, den Großfürsten, es zuerst angewendet zu haben.«
Als der Name des kaiserlichen Verwandten fiel, trat eine feierliche Pause ein. Die Offiziere streckten ihre Gläser starr vor sich hin, und die Damen warfen Kußhände. Geschmeichelt verneigte sich die dicke Exzellenz nach allen Seiten. Dann beugte er seinen kahlen Schädel, auf dem sich der Glanz der elektrischen Lichter widerspiegelte, tief zu seiner besonders eleganten Nachbarin hinüber, und seine verkniffenen Augen wiesen deutlich auf die eintretende Schar der Geiseln, die sich wortlos und gedrückt an einem kleinen runden Tisch unter der Fensternische niederließ.
»Ah, Sie, Herr Unterleutnant,« winkte der Fette den jungen Balten darauf gnädig zu sich heran, nachdem seine unförmliche Rechte nachlässig für den strammen Gruß des Untergebenen gedankt hatte. Und in einem Rest von Rücksicht und Lebensart dämpfte die Exzellenz ihre knirschende Bratenstimme zu einem merkwürdigen Gezische, als sie sich jetzt, für alle vernehmbar, nach dem Transport des Offiziers erkundigte.
»Ah so – Geiseln!? Bürgermeister und Magistratspersonen? Hm, unbedeutende Physiognomien. Nicht wahr? Finden Sie nicht gleichfalls, Gnädige? Die Deutschen sind sämtlich Maschinen. Keine Individualitäten. Wir dagegen sind Künstler, eigenwillige Künstler.« Und die zwinkernden Äuglein auf Isas anmutige Erscheinung richtend, schien die Exzellenz nunmehr Bericht über die auffallende Anwesenheit der jungen Nemza einzufordern.