Mehr hörte der Konsul nicht. Er saß neben Isa, hatte den Kopf in die Hand gestützt und – schämte sich. Und während seine Nachbarin den inzwischen aufgetragenen Speisen mit dem ganzen Appetit der Jugend zusprach, während sie ihm wider alles Herkommen hausmütterlich den Wein einschenkte, während sie ihre hellen Augen spähend herumschweifen ließ, ob sie für ihren Freund nicht etwas recht Schmackhaftes erobern könnte, da zehrte Rudolf Bark an der Demütigung, die ihm eben zuteil geworden, und schalt sich selbst einen Phantasten, weil er von einem gefallsüchtigen, herzlosen Weibe Förderung und Hilfe erwartet hatte. Wie tief mußte sich bereits der Völkerhaß in die verborgenste Wurzel der Nationen herabgefressen haben, wenn sogar schon die Frauen des Nachbarreiches von der blinden Wut, von heimlicher Schadenfreude an fremden Schmerzen ergriffen waren. Und diese Maria Geschowa, diese Weltdame, diese Meisterin der Unterhaltungskunst, hatte sie nicht noch vor kurzem mit ihrem Verständnis für deutsche Kunst und westliche Art geprahlt? Der Konsul verzog ein wenig geringschätzig den Mund, und das, was er soeben über die Treue und Redlichkeit slawischer Frauen dachte, das klang nicht gerade in einen Lobgesang aus. Dabei wurden seine Augen wieder hart und berechnend. Nun gut, die Frau des Obersten Geschow war ausgeschaltet, aber wen, wen konnte er an ihrer Statt für sich und seine Pläne gewinnen? Denn das stand fest, nur die heutige Nacht, so lange er noch in dem Hotel weilte, durfte zu dem so ängstlich überdachten Entweichen benutzt werden. Sobald er erst der russischen Beamtenschaft verfallen war, dann umwanden ihn tausend Fesseln, sichtbare und unsichtbare, die Gefängnisse des Landes öffneten sich nicht wieder. Er griff nach seiner Brusttasche. Ob er mit dem Wirt des Hotels beim Schlafengehen eine vorsichtige Unterhaltung begann? Oder mit dem Portier des Hauses? Freilich, diese Dworniks waren sämtlich bezahlte Späher der Polizeimeisterei. Und doch – der höher Bietende behielt hier häufig recht. Wofür sich also entscheiden? Denn die Zeit drängte, der Zeiger der breiten Standuhr in der Ecke stand hart vor der elften Stunde der Nacht.
Rudolf Bark versank niemals so völlig in Gedanken und Überlegung, daß seine Augen von seiner Umgebung abgelenkt werden konnten. So hielt er auch jetzt plötzlich inne, und eine geheime Unruhe veranlaßte ihn, seine ganze Aufmerksamkeit auf eine Erscheinung zu richten, die soeben unter die Portiere des Eingangs trat. Fast im Fluge bemerkte der Konsul, wie der späte Gast noch unter den Falten des Vorhangs mit dem betreßten Portier ein paar rasche Worte wechselte, um sich sodann nach Art eines Platzsuchenden umzuschauen. Es war ein ganz unauffälliger Herr, sehr schlank, sehr glattgescheitelt, in einem grauen Jakettanzug, in dessen Seitentaschen ein Paar braune Glacélederhände Eingang suchten, und das schmale pockennarbige Gesicht würde keinen anderen Grund zum Mißtrauen geboten haben, wenn der glattrasierte Mund nicht so höflich-verlegen gelächelt und wenn in den verdeckten Augen nicht im Gegensatz hierzu eine solche Gewohnheit des Zählens und Feststellens gelauert hätte.
Sollte das vielleicht – –? Der Konsul ließ das Messer sinken und verfolgte den Fremden Schritt für Schritt. Aalglatt, unhörbar wand sich der schmale Herr mit den braunen Handschuhen weiter in den Saal hinein. Seine Aufmerksamkeit schien einzig den noch leergebliebenen Stühlen an den anderen Tischen zu gelten, bis er plötzlich mit einer überraschenden Wendung vor der Tafel der Deutschen haltmachte, der er bis jetzt nicht die geringste Beachtung geschenkt.
Hier verbeugte er sich übermäßig tief und hauchte in einem Flüsterton, der sich kaum über einen Meter weit Gehör verschaffen konnte, jedoch voller Rücksicht und Ergebenheit:
»Ich habe die Ehre, Herrn Konsul Bark zu sehen?«
»Allerdings,« erwiderte der Kaufmann erblassend.
»Und dies ist, wie ich vermute, die Dame Ihrer Begleitung?«
»Ja,« stotterte Isa, die entsetzt auf das pockennarbige Antlitz starrte.
»Die Herrschaften brauchen sich durchaus nicht zu beunruhigen,« fuhr der verlegene Herr fort und winkte beschwichtigend mit der braunen Lederhand, als müßte er von vornherein die Bedeutungslosigkeit seiner Person sowie seines Auftrags in das gehörige Licht setzen. »Es liegt wahrhaftig nicht der mindeste Grund zu einer Befürchtung vor. Ich versichere es bei meiner Ehre. Es handelt sich lediglich um eine reine Formsache.«
Jetzt erstarb an dem Tische der Verschleppten auch das leiseste Geräusch, all diese deutschen Männer vergaßen im Moment ihr eigenes Mißgeschick, und ein heißes Mitgefühl wallte jedem auf, da sie ahnten, wie bald eine Lücke in ihren kleinen Kreis gerissen sein würde. Nur der knabenhafte Offizier verlor nicht eine Sekunde sein inneres Gleichgewicht. Unwillig verzog er die Stirn, und auf den abgezehrten Wangen glühten zwei helle Punkte auf.