»Stoy« (Halt!), schrie der Russe wütend. »Geben Sie mir Ihre Papiere.«
»Ich besitze keine Papiere.«
»Keine Papiere?« erstarrte der Pristav immer mehr über die Seltsamkeit dieses Falles. »Wie ist das möglich? Ilija Petrowitsch muß irrsinnig sein, weil er einen Menschen ohne Papiere zu mir hereinführt. Um elf Uhr in der Nacht!« ereiferte er sich von neuem, während er die silberne Uhr abermals herauszerrte. »Was ist hier zu tun?« – Verärgert fegte er einige Aktenstöße auf dem Tisch beiseite, bis ihm ein erlösender Einfall aufzublitzen schien: »Legen Sie Ihre Wertsachen ab,« forderte er, sich befriedigt zurücklehnend, »Geld, Uhr, Kleinodien, Ringe.« Und als er gewahrte, wie sein Gegenüber von einem eisigen Schrecken angeflogen wurde, triumphierte er entzückt über den Verfall des großmäuligen Deutschen weiter: »Mir steht das Recht zu, Sie und das Mädchen sofort entkleiden zu lassen, also ich rate Ihnen, nichts zu verheimlichen.«
Der Konsul griff sich an die Brust, er war unfähig, sich von dem einzigen Mittel, das vielleicht noch Rettung verhieß, zu trennen. Und der rauschende Zorn und daneben doch die klare Erkenntnis, wie jeder Widerstand ihre Lage nur verschlimmern würde, sie versetzten ihn in einen Zustand der Lähmung und der zähneknirschenden Entschlußlosigkeit. Um so unfaßbarer mutete es ihn daher an, als er seine Gefährtin ohne Zögern noch Bedenken an den Tisch herantreten sah, wo sie mit einer hastigen Bewegung nicht nur ihre Ringe und das Armband abstreifte, sondern auch ihr kleines seidengestricktes Geldbeutelchen vor den Pristav niederlegte.
Dieser griff einen zierlichen Kettenreif heraus, versuchte, wie weit er sich über seinen eigenen kleinen Finger ziehen ließ, und blinzelte dann in einem abermaligen Anfall von Vergessenheit die hübsche Nemza verschmitzt an. Als sich jedoch in dem blassen Jungfrauengesicht nicht eine Muskel regte, besann sich der Pristav überraschend schnell wieder auf seine Machtfülle und schien entschlossen, sie in ihrem ganzen Umfang auszukosten.
»Beeilen Sie sich,« herrschte er den Kaufmann an, der noch immer an seinem Platz wurzelte. »Weshalb gehorchen Sie nicht? Sie scheinen mir ein anmaßender Mensch zu sein. Oder haben Sie vielleicht Grund, sich gegen eine Leibesuntersuchung zu sträuben? – He, Gendarm, ich meine, hier ist ein Widerspenstiger.«
Auf den schrillen Pfiff fuhr der Gendarm drinnen in dem Kabinett aus seiner gebückten Stellung empor und trat auf die Schwelle. Einen Augenblick schwebte dunkle, zuckende Gefahr um den Konsul. Doch auch Rudolf Bark fühlte, wie es gleich einer unsichtbaren Gerte über ihm schnellte. Und, in einem langen Geschäftsleben daran gewöhnt, noch in der letzten Sekunde auf die rettende Planke zu springen, verbarg er die in ihm arbeitende Erregung und trat mit einem so gleichmütigen, geschmeidigen Wesen an den Tisch, daß nicht allein von Isa der schnürende Bann wich, sondern auch der Herr in dem kurzen Smoking diese rasche Wandlung augenscheinlich nicht gleich begriff. Und nun wickelte sich alles wie ein einfaches, glattes Geschäft ab. Der Konsul legte eine Brieftasche vor dem Pristav nieder, erklärte, es seien ungefähr 4-5000 Mark in dem Portefeuille vorhanden – ungefähr – und eine Empfangsbescheinigung wäre bei der Sicherheit einer so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten.
Begierig griff der Pristav nach der Tasche, zuckte jedoch gleich darauf wie vor einem fressenden Feuer zurück, lächelte und begann geschmeichelt mit dem roten Leder von neuem zu spielen.
»Auf Ehre,« versicherte er zuvorkommend und war wieder ganz der wiegende Gesellschaftsmensch von vorhin, »Sie haben recht. Wozu unnötige Schreibereien bei der späten Stunde? – Vier bis fünftausend Mark. – Nun gut, man wird aufs peinlichste darüber wachen, ich verspreche es Ihnen. Übrigens – ich begreife gar nicht, warum man Ihnen und der Dame mitten in der Nacht so viel Unbequemlichkeiten verursachte. Es ist lächerlich. Als ob dies nicht bis morgen früh Zeit gehabt hätte! Freilich die unteren Beamten! Wozu lungerst du hier herum?« schrie er plötzlich den schielenden Gendarmen an und wies mit ausgestrecktem Arm befehlend auf das nahe Kabinett. »Hörtest du nicht, daß die Herrschaften absolut unverdächtig sind?«
In diesem Augenblick begann das Tischtelephon heftig zu läuten.