»Bobscheff?« rief Isa in ihrem silbernsten Ton, und ihr fiel die ewig heisere Giraffe ein, deren Grundsätze trotz aller ethischen Erziehungsversuche der dicken Gattin in einer gewissen Beziehung leichte und flatterhafte geblieben waren.
Der Tag leuchtete so hell, und die Freude, neben dem wiedergefundenen Freund schreiten zu dürfen, durchströmte sie so übermächtig, daß der Rotkopf hier in der feindlichen Stadt und dicht neben ihrem Aufseher ausgelassen in die Hände klatschte. Aber auch der Konsul vermochte sich die überraschende Teilnahme des Gouverneurs, von dem er alles andere eher vermutet, keineswegs zu deuten, und so gelangte der kleine Zug in der Erwartung irgendeiner Aufklärung in das Vestibül des Hotels, von wo ihr Führer die beiden Deutschen sofort bis an ein Zimmer des ersten Stockwerks geleitete. Hier schritt ein Soldat mit geschultertem Gewehr vor der Tür des Gemaches auf und ab, und Konsul Bark begriff, daß sie sich von jetzt an wieder in militärischem Gewahrsam befänden. Ehe sich jedoch der Sekretär entfernte, unter zahlreichen Verneigungen und dem festen Versprechen, sich so oft wie möglich nach den Wünschen der beiden Fremden zu erkundigen, da zog ihn Rudolf Bark noch einmal beiseite, denn den nüchternen Geschäftsmann drängte es, nach dem Verbleib seiner Geldtasche Nachfrage zu halten. Hier aber veränderte sich das Wesen des Herrn im grauen Rock. Der Mund mit den weißen Zähnen lächelte zwar noch immer verlegen, aber in seine sanfte Stimme drang eine hörbare Abneigung, als er vorsichtig und sich windend den Rat erteilte:
»Darüber weiß ich nichts. Gar nichts. Mein Chef, Se. Hochwohlgeboren der Pristav, genießt das höchste Vertrauen. Mit Recht, es würde ihn beleidigen, wenn man sich in seine Angelegenheiten mischte. Beileibe nicht, wer dürfte das wagen? Guten Morgen, Herr Konsul. Sie können unbesorgt sein, ganz unbesorgt.«
Damit schlängelte sich der graue Herr die Treppe herunter, und der Soldat öffnete für die beiden Eintretenden das Zimmer. Noch hatten sie jedoch die Schwelle nicht übertreten, als sie in grenzenloser Überraschung ihren Schritt hemmten. Aus einem Schaukelstuhl, dicht vor einem altmodisch vergoldeten Spiegel, erhob sich bei ihrem Eintritt eine sehr elegante, tief verschleierte Dame, die sich leichtfüßig auf den Tisch zu bewegte, wo sie erwartend und ein wenig unschlüssig stehen blieb.
Aber diese wiegenden Bewegungen, der feine Parfümduft, der von ihr ausströmte, und das energische Blitzen der dunklen Augen, ein Feuer, das auch von der verhüllenden Gaze nicht gedämpft werden konnte, alles das bestärkte den Konsul in einer aufspringenden Hoffnung. In dieser Stadt gab es nur eine einzige so formsichere und von einer geheimnisvollen Anziehung umflossene Frau. Langsam lüftete sie den Schleier, ein roter, lächelnder Mund kam zum Vorschein, eine kecke, ein wenig aufgestülpte Nase und dunkle Zigeunerwangen.
»Ja, ich bin's,« bestätigte Maria Geschowa den beiden Fassungslosen, obwohl sie einzig und allein den schlanken, biegsamen Mann ins Auge faßte. »Ich hoffe, Sie werden verstehen,« setzte sie rasch und hastig hinzu, indem sie ohne Rücksicht auf die Zuschauerin dem Konsul ihre Hand zum Kuß entgegenstreckte, »ich hoffe, Sie werden verstehen, warum ich Sie hier in der Einsamkeit Ihres Zimmers aufsuchen muß, obwohl ich doch gestern abend bereits Gelegenheit gehabt hätte, Sie zu begrüßen.«
In ihrer Stimme schwang wieder der vibrierende Ton, der den gefährlichsten Reiz der Tatarin ausmachte. Aber zu seinem eigenen Erstaunen blieb Rudolf Bark ganz unberührt davon, denn der Kaufmann dachte im Moment an nichts anderes, als wie er die mutige Frau, die sich seinetwegen doch einer gewissen Gefahr aussetzte, zu seiner Rettung benutzen könnte. Er verbeugte sich tief.
»Die gnädige Frau wußten gestern vor die Freude des Wiedersehens gleichfalls einen undurchdringlichen Schleier zu ziehen.«
»Rudolf Bark,« sagte die Tatarin plötzlich hochfahrend, »Sie sind zu klug, um solche kleine Weiberlist nicht zu durchschauen. Oder glauben Sie etwa, daß man um Ihrer grauen, kalten Augen willen Ihren Aufenthalt in dem Turm so liebevoll verkürzte?«
Bei der Erinnerung an den Ort, dessen Schrecken noch nicht lange hinter ihm versunken waren, da verging dem Konsul die Neigung zu einem leichten Geplänkel. Auch verharrte Maria Geschowa so stolz aufgerichtet vor ihm, ihre blitzenden Augen schienen die seltsame Lage, in die sich die Gattin des Obersten Geschow begeben, so klar und unverrückt zu durchdringen, daß Rudolf Bark einen raschen Ausruf nicht unterdrücken konnte.