»Wahrhaftig,« winkte nun die junge Frau den Konsul auf einen Stuhl an ihrer Seite nieder, »die paar Minuten, die man mir für meinen Besuch bei Ihnen gestattete, sind bald vorüber, und wir philosophieren. Was werden Sie denken, lieber Freund? Bitte, setzen Sie sich zu mir. Unbesorgt, ich tue Ihnen nichts. Sie sind also der Ritter dieser jungen Dame geworden, Rudolf Bark? Wie alt ist sie?«
Ein wenig verletzt verzog der Angeredete, der inzwischen ihren Befehl befolgt hatte, die Stirn. Der Ton der Russin gefiel ihm nicht, und er dachte an seine gereiften Jahre. Statt seiner jedoch übernahm Isa, die unauffällig am Tisch stehen geblieben war, die Beantwortung. Nichts schien darauf hinzudeuten, als ob die Kleine das lebhafte Interesse der fremden Dame für den Konsul begriff oder gar einer Beurteilung zu unterziehen wagte. Nur Ehrerbietung und Zurückhaltung atmete ihr Ton, als sie liebenswürdig erwiderte:
»Ich bin achtzehn Jahre, gnädige Frau.«
»So, so,« versetzte die Russin gleichgültig. »Es ist gut, mein Kind. Ich hätte Sie für älter gehalten.« Und ohne jede Befangenheit die Hand des Mannes streichelnd, sprach sie angeregt weiter: »Rudolf Bark, Sie denken doch jetzt über nichts anderes nach, als wie Sie den Folgen Ihres Ritterdienstes, die Sie in Mariampol oder wo anders erwarten, entgehen können? Nicht wahr? Nein, leugnen Sie nicht, es kleidet Sie nicht, würde Ihnen auch nichts nützen.«
Da meldete es sich wieder, dieses spitze Einbohren in die Gedanken eines anderen, das zu den eigentümlichsten Gaben von Maria Geschowa gehörte. Und obwohl der Konsul erschrak, weil er nicht wußte, ob hier auch seinerseits eine rückhaltlose Offenheit am Platz wäre, so hielt er es doch für geboten, seinen raffinierten Besuch nicht völlig zu täuschen.
»Maria Geschowa,« sagte er deshalb nach einiger Zeit vorsichtig tastend, »sollte die Gattin des Obersten Geschow derartige Pläne – immer vorausgesetzt, daß sie wirklich existieren –«
Die Russin wiegte sich lässig und schlug mit der Hand nach ihm: »Sie existieren,« lächelte sie eindringlich und verstohlen.
»Sollte die Gattin des Obersten Geschow wirklich ganz gefahrlos und ohne sich etwas zu vergeben, die Mitwisserin solcher Geheimnisse werden können?«
»Ah so!« Unvermittelt hielt der Stuhl in seiner Schaukelbewegung inne, und ein paar große Augen, die sich langsam mit Zorn füllten, hefteten sich eine Sekunde gereizt auf den um sein Schicksal besorgten Kaufmann. Gleich darauf jedoch stieß Maria Geschowa ihren Sitz zurück und strich sich wie in tiefem Besinnen mit der behandschuhten Rechten über die Stirn. »Verzeihen Sie, verzeihen Sie,« sprach sie sich mühsam wiederfindend. »Wie wunderbar klug und besorgt Sie sind, Rudolf Bark. Wirklich, es ist staunenswert. Sie hegen eine große Sympathie für mich. So etwas ist ja immer gegenseitig. Aber natürlich, mein kluger Freund, Sie sind völlig im Recht.«
Sie kehrte ihm den Rücken, stellte sich ans Fenster und blickte lange über den struppigen Hintergarten des Hotels zu dem schmalen, kohlenüberschütteten Fluß herüber, der seine schwarzen Gewässer im Sonnenschein träge vorüberschleppte. Nach einer Weile trommelte die elegante Dame leicht gegen die Fensterscheiben und warf sehr kalt und interesselos, gleichsam nur, um irgend etwas zu äußern, über ihre Schulter hinweg: