Wechselnde Schatten huschten dabei über seine verstörten Züge, die das frühere glatte Lächeln völlig verlernt zu haben schienen. Nervös griff er mit den Händen hierhin und dorthin. Es war ein Jammer, die fliegende Unrast dieses gehetzten Mannes beobachten zu müssen. Plötzlich warf er sich wieder an dem Tisch nieder, strich sich die braunen Locken zurecht und stützte das Haupt schwermütig auf seine Rechte.

Johanna bebte.

Denn die dunklen Augen, die sie jetzt so verzweifelt, so anklagend umfaßten, es waren dieselben, die Jahre um Jahre wie eine Verkündung ihres Loses auf sie herabgeschaut hatten.

»Liebes Fräulein,« begann der Sitzende zu flüstern, und in seinen Augen sprühte das Entsetzen höher und höher, »wenn Sie wüßten, was wir verurteilt waren, zu sehen! Nein, ich kann und darf Sie nicht damit ängstigen. Die menschliche Natur ist in ihren Urzustand zurückgesunken. Die Bestien heulen sich an, reißen sich mit den Hauern das Fleisch von den Knochen und saufen ihr Blut. Das Grauen und der Ekel wird zu einer wollüstigen Unterhaltung. Und doch – oh, es ist fürchterlich – während wir den widerlichen Geschmack auf der Zunge spüren, während alle Maßstäbe des Menschlichen zwischen unseren Händen zerbrechen, da summt etwas Irrsinniges, etwas Aufreizendes in unseren Adern. Eine ungezügelte, wahnsinnige Lust, alle Schrecken von neuem durchzukosten, damit wir unsere tanzenden Nerven mit noch unvorstellbareren Scheußlichkeiten sättigen.«

»Wünschen Sie sich gleichfalls etwas Ähnliches?« fragte Johanna hart, denn bei seinem Ausbruch fiel ihr plötzlich ein, wen sie vor sich hatte.

»Ich?« Der Fürst sprang auf, preßte die Hände zusammen und schlug sie verzweifelt gegen seine Stirn. »Wie kann ich Ihnen das beschreiben?« stieß er unglücklich und zerbrochen hervor, und ein schriller Wehlaut entrang sich ihm. »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das alles mitteilen soll, denn was gehen Sie mich im Grunde an? Vielleicht habe ich auch um Sie nicht viel Gutes verdient, und es ist sehr möglich, daß Sie mich hassen.«

Jetzt erhob sich auch das große blonde Mädchen. Schwerfällig griff sie hinter sich an die Decke einer altertümlichen Kommode, um sich zu stützen. Ihre stählernen blauen Augen folgten unausgesetzt den wilden Gängen ihres Gastes, ihre Lippen bewegten sich, aber irgendeine Einwendung, die der aufgescheuchte Offizier zu vernehmen wünschte, sie vertrocknete ihr auf der Zunge. Und in seiner jagenden Hast hatte der erregte Mann auch längst wieder vergessen, was er eben noch zu erkunden begehrte. Oder es schien ihm nebensächlich, gleichgültig. Mit fliegender Hand zauste er an den Gardinen, die weiß und traulich vor der hereinbrechenden Nacht hingen, und ohne Rücksicht, ja ohne zu ahnen, wie grauenhaft es wirkte, preßte er das dünne Gewebe vor seine Stirn, um sich den perlenden Schweiß zu entfernen.

»Ich bin vielleicht feige« stöhnte er dabei in einer schneidenden Entladung, »ich mag auch aus diesem grauen Wams und dem krummen Säbel kein Gewerbe machen. Aber wenn man mit ansehen muß, wie diejenigen Leute, die kurz vorher mit einem aßen und tranken, die sich auf dasselbe Stroh streckten, warm wie ich, hilflos, ja hilflos wie wir alle, wenn man mit ansehen muß, wie diese Erbarmungswürdigen ihren Verstand verloren, wie sie mit wütenden Sprüngen in Sumpf und Morast setzten und zu Hunderten, zu Tausenden, umheult, umzischt von feuerspeienden Geschossen, in dem weichen, grünen, schwammigen Morast einsanken, Zoll für Zoll, Strich für Strich, dann – dann – –«

»Was?« kam es von Johanna scharf.

»Dann,« keuchte der Offizier, und seine Finger kratzten auf den Brustklappen der Uniform herum, als wolle er sie von neuem aufreißen, »dann schreit man auf zu der Vernunft oder zu irgend etwas, was besser ist als wir, und zetert und brüllt um Antwort, warum es zur Verschiebung von ein paar Kilometer Sprach- oder Kulturgrenzen so vieler aufgeputzter Mörder bedürfe.«