»Aha!« Herr von Stötteritz stieß einen gellenden Pfiff aus. »Daher geht der Wind,« lachte er ingrimmig, »du hast unausgesetzt an mir etwas herumzutadeln. Die ganze Richtung paßt dir nicht, wie, Cousinchen? Das Junkertum, wie du es nennst, das Echt-Preußische? So sage es doch, nicht wahr, das kannst du nicht leiden?«

Über der Stirn des Mädchens zogen ein paar Falten auf. Sie sah wieder sehr herb und ablehnend aus, als sie jetzt kurz hervorbrachte:

»Ich weiß zwar nicht, was dir an meiner Ansicht liegt, aber wenn du darauf bestehst – nun ja, ich kann mir manches anziehender vorstellen, als die von dir bezeichnete Art.«

»So, das wollte ich nur wissen,« knurrte der Herr von Sorquitten, dem es trotz der aufsteigenden Enttäuschung so vorkam, als ob er eine widerwärtige Schulaufgabe endlich erledigt hätte. »Dann brauchen wir ja nicht mehr länger das abgeleierte Thema abzuhaspeln. Du glaubst uns nicht und hast wahrscheinlich Ratgeber, die die Lage viel gründlicher zu beurteilen vermögen, als solch beschränkte Stoppelhopser. Schön, Mariellchen, ich wünsche natürlich in unser aller Interesse, daß diese superklugen Leute recht behalten. Inzwischen wirst du mir wohl beistimmen, wenn ich für meine alte Dame anspannen lasse. Ich habe vor Tisch nämlich dort drüben in Sorquitten noch Verschiedenes anzuordnen. In meiner wenig anziehenden Art, natürlich. Na, mir bleibt wenigstens der Trost, Cousinchen, daß dir über den schnellen Abschied nicht das Herz brechen wird, was?« Damit richtete sich Herr von Stötteritz auf, schüttelte sich, als wenn er in der trockenen Luft von einem Platzregen durchnäßt wäre, und rief schallend über den Hof nach seinem Kutscher.

Mächtig ausholenden Schrittes suchte er den Hauseingang zu erreichen, um seine Mutter von der bevorstehenden Abfahrt zu unterrichten, jedoch mitten zwischen den Pfosten sah er sich noch einmal zurückgehalten. Dicht neben ihm stand Johanna, und sie griff jetzt rasch nach dem Arm des sie Überragenden, um ihn ein wenig hin und her zu zausen, als ob sie den Unwirschen zur Besinnung zu bringen wünsche.

»Fedor, du wirst doch wegen einer solch kleinen Meinungsverschiedenheit nicht böse sein?« mahnte sie eindringlich.

Der Riese sah sie ungewiß von der Seite an, knurrte etwas Unverständliches, aber ihr herzlicher Ton verfehlte nicht den beabsichtigten Eindruck.

»Fällt mir ja gar nicht ein,« rang er sich noch immer etwas unwillig ab, obwohl ihm dieses verdammte Schuljungengefühl unter ihren Augen nicht recht weichen wollte. »Wieso böse? Habe für solche Geschichten wie Familienfehde oder dergleichen absolut kein Verständnis. Im übrigen bist du ja auch eine ausgewachsene Person, und meine Mutter sagt immer ›aufgenötigte Suppe schmeckt schlecht‹. Also lassen wir's! – He,« rief er laut aus der Tür heraus, »Friedrich, fahr' mal hier vor, ganz dicht ran. Und du, Hans,« wandte er sich in seinem gewöhnlichen Befehlshaberton zu seiner Begleiterin, »laß mal auf der Stelle den Tritt hinsetzen. Meine alte Dame behauptet sonst wieder, sie wäre keine Seiltänzerin. Also allons, Kinder, ein bißchen Musik in die Knochen, und dalli, dalli.«

IV.

Dicht an der Chaussee, die sich an Maritzken vorüberschlängelte, hart an der Grenze eines hochwogenden, schwer nickenden Weizenfeldes, da gab es einen lauschigen, einen heimlichen Platz. Ein alter, verkrüppelter Kirschbaum senkte hier sein Geäst so niedrig und struppig herab, daß unter seinem Dach kühler, wohltuender Schatten wohnte, selbst wenn um ihn herum das heiße Sonnenlicht in Wogen über die Landstraße fortspülte. Die astumzäunte Rundung war so recht ein Schlupfwinkel, um sich dort verkriechen und zwischen den herniederhängenden Zweigen hindurchblinzeln zu können, auf alles, was sich auf der Landstraße begab. Hier hatte der Rotkopf der Grothe-Marjellen, die kleine Isa, als sie noch kurze Kleider trug, oft wie ein Hund zusammengekauert gelegen, und es war ein herrliches Vergnügen gewesen, wenn sie den vorüberlaufenden Dorfjungen aus ihrem sicheren Versteck heraus kleine Kieselsteinchen gegen die Mützen werfen durfte. Hei, und wie gut sie treffen konnte! Ja, das verstand sie wundervoll. Und so oft eine der plumpen Kopfbedeckungen in den weißen Sand rollte und vom Wind noch überdies wie ein kurbelndes Rad hinweggefegt wurde, dann war unter den Kirschbaumzweigen in früheren Zeiten häufig ein verdecktes Lachen aufgequollen, ein unbestimmbares, schadenfrohes, kaum vernehmliches Jauchzen, das auf Mitleidsempfindungen der versteckten Übeltäterin keine allzu bestimmten Rückschlüsse freigab. Inzwischen war Fräulein Isa jedoch eine junge Dame geworden. Und wenn auch ihre Gewänder noch manchmal wild und zerknittert an der geschmeidigen, gertenhaften Gestalt herabflatterten, und obwohl es dem Rotkopf noch immer keine Sorgen bereitete, sich gelegentlich unter den alten Kirschbaum mit aufgestützten Ellenbogen auf das grüne Wiesengras zu betten, bis die Feuchtigkeit kalt an ihrer Brust zitterte, – seit ein paar Wochen war ihr leider selbst diese harmlose Erfrischung von der ältesten Schwester, die so gar kein Verständnis für derartige Freuden besaß, verkümmert worden. Eines Morgens lehnte nämlich eine grün angestrichene Bretterbank an dem alten Kirschenstamm, und seit dieser unwillkommenen Entdeckung saß Isa Grothe zur heißen Mittagszeit lässig vornübergebeugt auf dem neuen Sitz und ließ ihre braunen Goldaugen gierig auf einem gelben Büchlein in ihrem Schoße ruhen, das sie ihrer sorglosen Schwester Marianne heimlich entwendet. Himmel, da standen ganz absonderlich verirrte Dinge drin, die Fräulein Isa selbstverständlich längst ahnte und billigte, von denen sie jedoch nie geglaubt hätte, daß sie das Blut so angenehm aufpeitschen könnten. Selbst hier draußen auf dem langweiligen Lande.