»Es ist gut,« lenkte er endlich mit jener den Russen eigentümlichen Demut vor den Mächtigen ein, »ich sehe, es liegt nichts im Wagen. Aber die Herrschaften werden die Gnade haben, mir zu zeigen ihren Paß.«

Jetzt wurde ein leiser Ruf der Überraschung bei den jungen Damen laut, und man konnte an den Blicken, die sie sich gegenseitig zuwarfen, sofort erkennen, daß sich etwas Derartiges wie die geforderten Papiere keineswegs in ihrem Besitz befände.

»Ruhig,« beschwichtigte der Konsul abermals sehr bestimmt, und sich von neuem an den Grenzsoldaten wendend, überreichte er ihm sein eigenes Ausweisdokument. »Hier, mein Junge,« meinte er begütigend, »hier hast du, was du verlangst. Und weil du so ein braver Beamter bist, so werde ich dich dem Herrn Rittmeister Sassin – meinem Freunde,« setzte er sehr nachdrücklich hinzu – »besonders empfehlen. Aber nun halte uns hier gefälligst nicht länger auf, denn es ist kein angenehmer Aufenthalt in diesem Kohlenstaub für meine Damen. Verstehst du?«

Lässig, als wäre alles in Ordnung, gab der Kaufmann seinem Kutscher das Zeichen zum Weiterfahren. Allein ehe die Pferde sich noch in Bewegung setzen konnten, faßte der Mann mit dem Revolver zögernd in die Zügel und schritt noch einmal unter starkem Kopfschütteln an den Wagenschlag.

»Es sind Vorschriften,« brachte er immer noch mit einer halben Verbeugung heraus, »die Frauen müssen zurück.«

»Wie? Ist das Ihr Ernst?« rief der Geschäftsmann, indem er in aufsteigendem Zorn mit der flachen Hand auf die Fenstereinfassung schlug.

In dem Wagen fuhren ein paar erregte Frauenstimmen im Wechsel durcheinander, und zitternde Finger schmiegten sich verstohlen um den Arm des Konsuls. Sie gehörten Isa, deren schreckhaft erweiterte Augen in immer stärker sich regender Bangigkeit alles in sich tranken, was sich ihnen auf der halb zersplitterten Holzbrücke darbot, von den dicken viereckig zugeschnittenen Haaren der Soldaten angefangen, bis zu dem breiten in einem fahlen Glanz funkelnden Bajonett des zweiten Grenzwächters, der ihnen noch immer breitbeinig und ohne eine Miene zu verziehen, den Einlaß sperrte. In die Stirn des Mannes im weißen Staubmantel war inzwischen eine Blutwelle gestiegen. Unbewußt zupfte er an dem kurzgeschnittenen braunen Schnurrbart herum, bis er plötzlich aus dem Wagen sprang, so daß er jetzt ganz dicht, fast Brust an Brust gegen den Russen aufragte. Der legte abermals unter einer Verbeugung die Hand an die breite Mütze, zuckte die Achsel und starrte dann den drei schönen Mädchen halb betrübt und halb bedauernd ins Gesicht. Ihren Begleiter jedoch durchschnitt zum erstenmal ein merkwürdig beklommenes Gefühl. Das weite struppige Land vor ihm dehnte sich so sonderbar schweigend und geheimnisvoll, als wäre es eine riesige Bühne, die nur deshalb in solch menschenvereinsamter Leere lauerte, weil über sie hinweg bald ungeheure Züge des Weltgeschehens dahinschreiten sollten. Dazu die unsichtbare Stadt, das schneidende Sausen und Rollen – nein, es ließ sich nicht leugnen, eine kurze Sekunde war der Kaufmann völlig befangen von einer heranschleichenden Ahnung, die sich ihm bleischwer an alle Sinne hing. Spähend blickte er auf die schwarzen Gestalten der Kohlenablader hinunter, und auch in ihren schweißigen und stumpfen Gesichtern glaubte der aus seiner Sicherheit Aufgescheuchte dasselbe unauffindbare Rätsel zu lesen.

Verwünscht!

Wenn ihn die Damen jetzt aufgefordert hätten, den Wagen wenden zu lassen, um sich in den Schutz der Heimat zu begeben, die ihre letzten grünen Büsche so vertraulich nah bis an das Flußufer heranschob, in der Tat, er hätte nicht gezögert. Er wandte sich, und unwillkürlich trafen seine und Isas Blicke zusammen. In den feinen blassen Zügen des Mädchens schien wirklich jene unausgesprochene Bitte zu wohnen, ja die sich wie im Frost bewegenden Lippen wagten vielleicht nur den brennenden Wunsch nicht zu äußern.

Da klirrte etwas auf der Brücke. Ein scharfes Sporengeläut begann zu singen und zu gleicher Zeit schlugen die Grenzwächter auffahrend an ihre Säbel und führten die rechte Hand salutierend und breit gegen ihre Mützen. Der Wachtmeister wurde von einer hohen Männergestalt im dunkelblauen Waffenrock unsanft beiseite geschoben, und vor dem überraschten Handelsherrn stand säbelrasselnd der Rittmeister Sassin, lächelnd über das ganze rote Gesicht und unstreitig gewillt, seinen deutschen Gast in die Arme zu schließen. Schmetternd, aus voller Brust, klang sein Bewillkommnungsgruß: