»Eine echte Nemza,« dachte Dimitri Sergewitsch, der direkt hinter dem Mädchen verweilte und auf diese Weise, ohne daß sie es merkte, ganz aus der Nähe ihre reife Blondheit festzustellen vermochte. »Fade,« urteilte der Fürst abschätzend und ohne eine Spur innerer Achtung, »ein grobes, starkknochiges Geschöpf.« Und doch bückte er sich katzenhaft, um dem Mädchen das Taschentuch aufzuheben, das ihr eben aus der Rechten entglitten war. Mit einer formvollendeten, artigen Verneigung, die die äußerste Dienstbeflissenheit verriet, reichte er ihr das Gewebe zurück. »Es ist dick wie ein Scheuertuch,« gestand er sich dabei selbst. »Wie geschmacklos sich die Deutschen kleiden. Nicht einmal ein Tröpfchen Parfüm hat sie angewendet. Fi donc!«
Fürst Fergussow schwärmte nicht für die Blonden. Er schwärmte überhaupt für nichts. Er suchte nur immer. Und der verwöhnte Liebling der Petersburger Salons grübelte manchmal ernsthaft darüber nach, ob das Geschenk des Lebens nicht eigentlich eine gemeine und widersinnige Teufelsgabe wäre. Immer frischer Reizmittel bedurfte man, um diese abspannende, diese zermürbende Gleichgültigkeit stets von neuem aufzurütteln. Und in einer jener Stunden der Lethargie oder der nagenden Selbstzerfleischung, wenn das Daseinsflämmchen verendend zuckte, da war der bewunderte Dimitri Sergewitsch, der Held so vieler Romane, zuletzt in einen Kreis junger Studenten und mittelloser, im Avancement übergegangener Offiziere geraten, die ihre fest geschlossene Vereinigung das »Symposion« nannten. Unter den Symposiasten aber herrschte die Überzeugung, daß man das Leid und die Widerwärtigkeiten des Daseins nicht köstlicher betrügen könne, als durch ein gemeinschaftliches, freiwilliges Ende in voller Kraft und Rüstigkeit. Nachdem man vorher eine Orgie gefeiert, die alle Blüten der Kultur, die giftigen sowohl wie die himmlischen, gleich einem Kranz um die Häupter der Teilnehmer geschlungen. Hier hatte er auch Diamantow getroffen, dessen soziale Hoffnungen wieder einmal gescheitert waren. Der Student war allmählich von der verzweifelten Idee befallen worden, im Grunde fügten die Volkserwecker, die die träumenden Massen aus ihrem Schlafe aufzurütteln versuchten, den Hindämmernden ein schweres Unrecht zu. Denn nur Nichtwissen, Traum und Schlummer machten das Dasein erträglich. Voll zehrender Leidenschaft wurden diese auflösenden Ansichten verkündet, und alles war bereits für die große Orgie vorbereitet, als Fürst Fergussow, und mit ihm gerade die Vornehmsten des Symposions, plötzlich ohne jeden erkennbaren Grund fortblieben, und der Rest durch die Polizei auseinander gesprengt wurde. Keiner der armen Mißleiteten warf Dimitri Sergewitsch indessen etwa Feigheit vor. Dazu war die Tollkühnheit des Gardedragoners in der Hauptstadt zu sehr bekannt, man wußte überdies, daß er erst im letzten Winter ein paar ertrinkenden Kindern in die Eisschollen treibende Newa nachgesprungen sei. Also Feigheit nicht. Die einen meinten, eine sehr, sehr junge Dame aus der höchsten Aristokratie, kaum dem Kindheitsalter entwachsen, hätte seine launenhafte Neigung für ein paar Monate entfacht, und die Erde reiche ihm wiederum ihre heißen Geschenke. Die anderen erzählten gerade das Gegenteil. Bei Hofe, flüsterten sie sich achselzuckend zu, wäre ein wundertätiger Mönch aus einem fernen Kloster erschienen, der die Macht bewiesen hätte, abgeschiedene Geister aus dem Jenseits zu rufen und die Seelen seiner Vertrauten durch inbrünstige Ekstasen in ein höheres Reich der Wonne zu heben. Aber Dimitri Sergewitsch! Man schüttelte den Kopf. Sollte wirklich dieser eiskalte Rationalist zu jenen heiligen Schwärmern gehören?
Warum nicht?
Sein rastlos hin und her zuckendes Gemüt, das immerfort die Farbe wechselte, je nachdem ihn eine neue Laune quälte, es konnte sich gewiß auch heißhungrig in die Abgründe der Mystik stürzen. Freilich nur, um jene Klüfte bald darauf wieder, verächtlich lächelnd, mit dem Spieltisch oder dem Boudoir einer Zirkusreiterin zu vertauschen.
»Kann die Mosaik Ihren Beifall erringen, teures Fräulein?« fragte Herr Miljutin der Ältere noch demütiger als sonst.
Johanna geriet in einige Verlegenheit. Die steifen, eckigen Linien des eingelegten Ritterbildes sagten ihr keineswegs zu. Auch schien ihr der weiche Dulderkopf des regierenden Zaren durchaus nicht unter die eiserne Sturmhaube zu gehören. Aber durfte die Gutsherrin vor den Offizieren des fremden Herrschers eine so absprechende Meinung äußern? Regungslos verharrte sie, und in ihre Wangen stieg die Röte der Unsicherheit.
»Wir haben uns hier bemüht, national-russische Kunst zu geben,« fuhr Herr Miljutin dringender fort, da sich der sanfte Mann darüber aufzuregen schien, weil die Nemza seiner Schöpfung gegenüber so empfindungslos blieb.
Wie unangenehm!
Schon wollte sich das ehrliche Landmädchen mit ihrem geringen Verständnis entschuldigen, als ihr unerwartet eine Hilfe kam, auf die sie niemals gerechnet hatte. Und wie melodiös und schmeichelnd das Organ ihres unverhofften Retters klang! Unwillkürlich wandte sich die hohe Blonde dankbar ihrem Verteidiger zu, und so unverdorben war sie, daß sie hinter diesen bestrickenden Lauten auch eine reine und aufrichtige Seele vermutete.
»Bester Miljutin,« hemmte der Fürst den aufsteigenden Unwillen des Händlers, indem er ihm mit seiner feinen weißen Hand freundschaftlich auf die Achsel klopfte, »muten wir dem gnädigen Fräulein nicht zuviel zu. Unter uns, die Vorliebe für diese Quadrate ist eine Barbarei, die wir unseren byzantinischen Lehrmeistern hätten lassen sollen. Sie können mir glauben, unsere herrschsüchtigen Mönche benutzen die von Totenstarre verkrampften Gelenkpuppen nur, um unseren dummen Bauern Furcht einzuflößen. Kommen Sie, meine Gnädigste,« fuhr er mit seinem liebenswürdigen und freimütigen Lächeln fort, als er bemerkte, wie erleichtert die befangene Deutsche aufatmete, »lassen wir uns hier auf Leo Konstantinowitschs neuem Klubsofa nieder, denn jetzt werden Sie wirklich etwas von russischer Kunst empfangen, worin wir unter den Nationen ziemlich einzig dastehen. Vielleicht, weil den anderen Völkern eine Nachahmung nicht lohnt. Hören Sie? Dort drinnen singt Frau Oberst Geschow ein tatarisches Dorflied. Ah, und sie begleitet sich selbst auf der Balalaika. Wollen Sie mir glauben,« sprach er in seiner zwanglosen und wahrhaft vornehmen Art weiter, »daß ich selbst jenes Instrument in den Abendstunden ein wenig spiele? Es hat so etwas von den reinen Klängen der Kindheit. Und nicht wahr, wir alle retten uns manchmal gern hinüber?«