»Denke nicht an mich, denn ein eisernes Vögelchen flog mir ins Herz.«

Drinnen tönten die schwermütigen Strophen fort, immer von der hüpfenden Begleitung durchschlungen und unterbrochen. Der Fürst aber beugte sich vor, als ob er ein Urteil über das heimatliche Lied erwarte. Allein seine Zuhörerin war über das rein Poetische des Gedichtes längst hinweggeeilt. Ihr an das Nächstliegende stets gebundener Sinn stöberte unruhig in den Gedankenverbindungen herum, die durch ein einziges Wort des Textes in ihr erregt waren. – – Krieg! – – Und plötzlich vergaß sie, wer neben ihr saß. Nichts als die weiche und gütige Stimme des Mannes, der sie unterhielt, war in ihrem Ohr haften geblieben. So kam es, daß sie sowohl die fremde, vielleicht feindliche Volksangehörigkeit ihres Nachbarn außer acht ließ, ja, daß ihr sogar sein hoher Rang entglitt. Wie ein bekümmerter Mensch, der bei einem anderen lebenden Wesen Trost sucht, bettete sie ihre Hand ohne jede Absicht auf die Finger des anderen, um rasch und inständigst zu fragen:

»Sie sind mir fremd, aber Sie müssen es wissen, – nicht wahr, es ist doch unmöglich?«

»Was ist unmöglich?« wiederholte der Dragoner sich sammelnd, obwohl er den Sinn ihrer plötzlich ausgestoßenen Bitte recht wohl begriff.

Wie plump die Nemza war! Man bereitete doch einem Unbekannten, den man sicherlich nie wiedersehen würde, nicht derartige Verlegenheiten! Doch während er sich zu ihr wendete, spielte wieder das gewinnende Lächeln des Gesellschaftsmenschen auf seinen klassisch geformten Zügen.

»Was beunruhigt Sie, bestes Fräulein? Kann ich vielleicht Ihre Bedenken zerstreuen? Sie sehen übrigens so aus, als wenn Sie nicht leicht außer Fassung zu bringen wären.«

Da zog Johanna, zur Besinnung gelangend, ihre Hand hastig zurück, raffte sich zusammen und saß wieder so aufrecht und unberührt, den Kopf in den Nacken geworfen, daß den Fürsten ihre steife Haltung innerlich belustigte.

»Sie haben ganz recht,« äußerte sie kalt, und ihr Ton klang so eisig, wie ihn nur die Herrin von Maritzken, sobald sie sich oder andere auf einem Fehler ertappte, anzuwenden pflegte. »Wie kämen Sie dazu, mir Aufschlüsse über etwas zu erteilen, was Ihnen vielleicht dienstlich verboten ist.« Und sich zu Herrn Miljutin kehrend, begann sie mit dem Fabrikbesitzer sich wiederum über geschäftliche Dinge zu unterhalten.

Eingehend erkundigte sie sich bei dem Kaufmann nach dem Preis seiner eigenen Lastpferde.

Ein Pferdegespräch also, auch das noch! Ungläubig lauschte Dimitri Sergewitsch ein paar Sekunden herüber. Dann aber, als sich der schöne junge Mann daran erinnerte, wie unbändig taktlos es wäre, eine Unterhaltung so schneidend und kurz abzubrechen, namentlich ihm, dem stets Höflichen gegenüber, da glitt er fast unhörbar empor und gedachte sich mit einer seiner anmutigen Verneigungen durch den Vorhang in das Nebenzimmer zu begeben, um Maria Geschowa ein paar Lobeserhebungen über ihren Gesang zu Füßen zu legen. –