»Wie können in einem Staate, der sich so langsam emporarbeitet, überhaupt jemals solche das Volksvermögen zerrüttende Gedanken auftauchen,« ächzte der Gouverneur Bobscheff, indem er, schlau mit den Augen zwinkernd, seinen Hals weit über die übrigen erhob. »Man wird einen Ausweg finden. Auf Auswegen beruht die ganze Politik.«

»Hören Sie es?« machte Tatiana, die Heroldin seines Ruhmes, aufmerksam. »Mein Gatte verwirft aus nationalökonomischen Bedenken jede kriegerische Auseinandersetzung.«

»Leben Sie wohl, Rudolf Bark,« so schritt unbekümmert um die betroffenen Mienen der anderen die dunkle Tatarin mitten durch den ausweichenden Kreis hindurch und auf den Kaufmann zu, der wie eine Schutzwehr für seine bereits in der Diele befindlichen Damen, noch auf der Schwelle verharrte. Und einer sie durchströmenden Scham nachgebend, streckte Maria Geschowa dem Konsul warm die Hand entgegen. »Sie wissen jetzt,« sagte sie ganz laut, als ob sie wünsche, daß es die anderen auffangen sollten, »Sie wissen jetzt, warum es hier manche Heimlichkeiten gab. Aber das, was ich Ihnen jetzt sage, das können Sie mir ehrlich und ohne Mißtrauen glauben. Ich wünsche von Herzen, daß die uns noch zur Überlegung gegönnten drei Tage eine blutige Entscheidung abwenden möchten. Denn gleich mir, so gibt es hier unter uns viele,« setzte sie mit erhobener Stimme hinzu, als sie das eisige Schweigen der Umstehenden bemerkte, »viele gibt es hier, die nichts so widersinnig, ekelerregend und hündisch finden, als das bewußte Zerfleischen von Geschöpfen, die sich Menschen nennen. Pfui, möchte es nie dazu kommen!«

»Du hast recht, Maria,« pflichtete nach einer Pause des bedrückten Schweigens der Gatte der Tatarin, Oberst Geschow, sehr ernsthaft bei und streichelte der erregten Frau billigend und respektvoll über den Arm. »Hoffen wir, daß das Menschengeschlecht diesen Schritt nach unten nicht zu wagen braucht; denn nach abwärts wird der Weg führen.«

In diesem Augenblick öffnete Fürst Fergussow die äußere Tür, und das Licht des funkelnden Sommertages flutete üppig und hell auf all die ängstlich zusammengedrängten Menschenköpfe, die ahnungsvoll nach dem fernen Grollen des Weltenschicksals hinaushorchten.


In wenigen Minuten hatte man den Brückenkopf erreicht. Und doch war es den durch den schwarzen kotigen Kohlenstaub dahineilenden Mädchen gewesen, als ob sie sich durch andrängende Jahre hätten hindurcharbeiten müssen. Das rußige Erdreich besudelte ihre hellen Schuhe, die offenen Mäntel flatterten unordentlich hinter ihnen her: Ganz gleich, nur den Ort erreichen, von wo man die Heimat sehen konnte, die sichere, die schützende.

Da – gottlob – da gewahrte man schon den schmalen Fluß, man sah die langen Kohlenkähne, vor denen die Ablader nun beschäftigungslos herumlungerten. Und jetzt, – war das nicht das Getrappel vieler Pferde, das da hinten von der hölzernen Brücke herüberpolterte? Noch ein paar Schritte, und die dunkelblauen Uniformen einer Reiterabteilung wurden sichtbar, die auf unruhigen Pferden dicht vor dem Brückeneingang hielt. Die gezogenen Säbel blitzten im Licht des Spätnachmittags.

»Großer Gott,« fuhr Isa auf, während sie die Hand ihrer ältesten Schwester, die ruhig und aufgerichtet wie immer neben ihr herschritt, in heftiger Bestürzung umklammerte, »was bedeutet das? Hans, ob man uns hier gewaltsam zurückzuhalten gedenkt?«

Über das marmorweiße Antlitz der Großen huschte ein mattes Lächeln. Und doch richtete sie ihre Augen auskunftheischend auf den Fürsten Fergussow, der mit seinem leichten, federnden Gang an ihrer Seite geblieben war. Sofort nickte der Aristokrat verständnisvoll und trat rasch an den jungen Zugführer heran, der grüßend seinen Degen vor dem Offizier in der blitzenden Uniform senkte. Ein paar schnelle, den anderen unverständliche Worte wurden gewechselt. Gleich darauf parierte der Dragonerleutnant seinen Braunen und rief etwas mit lauter Stimme über die Brücke. Gehorsam traten auf den Anruf die beiden Grenzsoldaten dicht an das Wachthäuschen heran und gaben die Durchfahrt frei.