»Und was wird aus Ihrer Wirtschaft?« warf der Konsul dazwischen, »aus Frau und Kindern?«
»Ja, deswegen ist bereits vom Landratsamt telephoniert worden. Die Wirtschaft muß ich vorläufig sich selbst überlassen,« meinte der Mann stirnrunzelnd, »aber alles, was Beine hat, das bringe ich morgen in die Stadt. Dort spreche ich mal vor, Herr Konsul.«
»Ja, tun Sie das,« ermunterte der Herr des Goldenen Bechers so freundschaftlich, als ob er den einfachen Menschen schon seit vielen Jahren kennen würde. »Ich werde mich freuen, Sie gesund wiederzusehen. Vorwärts, Johann.«
Und als das Gefährt bereits an dem kleinen Gärtchen mit den bunten Glaskugeln vorüberrollte, da sah Isa, die sich zurückwendete, wie der Mann in den Lederhosen noch immer mitten auf der Landstraße weilte, das Haupt gen Osten gekehrt und das rechte Bein trotzig gegen die Muttererde vorgestemmt.
»Die Sache wird gemacht,« klang es Johanna durch den befreiten Sinn.
Weiter ging es.
Bald hatten sie den winzigen Marktflecken Schorweiten erreicht, der nur aus einer einzigen langgezogenen Gasse bestand mit einer windschiefen Einbuchtung für das kleine niedrige Holzkirchlein. Grünmoosig hing das Rohrdach fast bis zur Erde herab. Hier hielt ein berittener Gendarm und erteilte, tief von seinem Roß herabgebeugt, den ihn umringenden Landbewohnern bereitwilligst jede gewünschte Auskunft. Vor der Kirchenschwelle aber stand eine kleine Schar von Buben und flachsköpfigen Mädchen. Sie trugen Papierhelme auf den Häuptern, und der kleinste von ihnen schwenkte eine deutsche Kinderfahne in den Händen. Lustig flatterte das Schwarz-weiß-rot in dem Abendwind, der von dem nahen Landsee herüberstrich. Und da hörten die im Schritt Vorbeifahrenden zum erstenmal jenes Lied, das seit langer Zeit Bedeutung und Sinn für sie verloren hatte, und das ihnen jetzt mit der brausenden Gewalt eines Orkans ans Herz fuhr. Aus Kindermund schallte es zu ihnen hin, silberrein und doch trotzig und voll werdender Mannheit:
»Lieb Vaterland magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«
Da konnte sich Johanna nicht länger zurückhalten. Eine Leidenschaft stieg in ihr auf, von der sie selbst nie geahnt hatte, daß sie in der kühlen Geschäftigkeit ihrer Tage noch nicht untergegangen wäre. Aber der Anblick der ruhigen, auf alles gefaßten Landbewohner, der singenden Kinder und der kleinen strohgedeckten Häuschen, über die sich der friedliche Abend herabsenkte, das alles zusammen überwältigte sie. Mit einer starken verbündenden Bewegung streckte sie dem Konsul, dessen Augen gleichfalls ernsthaft, fast liebevoll, auf den fremden Leuten dort draußen ruhten, die Hand entgegen, um gleich darauf die weinende Isa fest an ihre Brust zu raffen, von wo der schluchzende Rotkopf sich nicht mehr erhob. Nur Marianne saß daneben und lächelte. Sie war furchtlos. Ja, die seltsam schmerzhafte Aufregung tat ihr wohl. Aber das Ungeheuerliche, das in diesen Augenblicken aus der ruhigen Heimaterde vor ihr aufstieg, der gerüstete Riese, in den ein ganzes Volk zusammenwuchs, und der nun schwerfällig, treuherzige Lieder singend, zur Landesgrenze wandelte, er blieb den geistigen Blicken der eleganten Dame verborgen. Ihn erkannte sie nicht. Die vergangene Zeit mit ihren fremden Lüsten und Eitelkeiten ließ sie nicht los. Dazu war ihr kleines unbedeutendes Frauenschicksal der Gefallsüchtigkeit und Freudegierigen zu weit überschattend vor alles Geschehen der Umwelt gewachsen.