»Meine Damen, ich bin leider für Sie der Überbringer einer unangenehmen Botschaft. Nein, nein, es ist nichts Ernstliches,« beruhigte er sofort, als er sah, wie sich Isa erschreckt zu ihm herumwarf, »nur die Chaussee nach Maritzken ist für heute nacht durch unsere Pioniere gesperrt.«

»Ja, aber um Himmels willen, warum denn?« fuhr Johanna auf.

»Gott, es werden dort allerlei Ehrenpforten für den Empfang der Herren von dort drüben gebaut, wenn sie etwa den Besuch der Damen zu erwidern gedenken. Die Herrschaften werden für heute mit ein paar Hotelzimmern vorlieb nehmen müssen. Und ich bitte jetzt bereits um Vergebung, weil ich mir erlaubt habe, diese Räume für Sie im ›Deutschen Hause‹ belegen zu lassen, denn der Andrang war heute nachmittag ein sehr großer.«

»Wie zartfühlend und freundschaftlich von Ihnen, lieber Herr Leutnant,« sagte Johanna dankbar. »Wir machen natürlich von Ihrer gütigen Bestellung Gebrauch.« Und in ihrer Seele legte sie sich wieder prüfend die Frage vor: »Ob meine Schwester Marianne auch einen solchen Mann verdient? Und ob sie das Gemüt und das Innenleben eines solch Nachdenklichen zu würdigen weiß?«

Ehe sie sich jedoch hierüber die bang zurückgehaltene Antwort erteilen konnte, da wandte sich jetzt der junge Offizier direkt an sie selbst, und sein dunkles, ernstes Antlitz nahm den Ausdruck der offenen Sorge an.

»Liebes gnädiges Fräulein,« bat er, »Sie müssen mir auch ein anderes Anliegen nicht übel deuten. Die Verhältnisse haben sich leider so geändert, daß auf eine günstige Wendung, an die wir ja alle noch heute vormittag glaubten, kaum gerechnet werden darf. Und da wir waffenfähigen Männer binnen kurzem nicht mehr hier weilen werden, so ist es für mich und gewiß für viele andere,« setzte er in Beziehung auf den Konsul hinzu, »ein unerträglicher Gedanke, Sie dort draußen auf Ihrem einsamen Gute ohne rechten Schutz zu wissen. Nicht wahr, ich darf mich doch der Hoffnung hingeben, daß die Damen ihren Aufenthalt in der Stadt so lange ausdehnen, bis die nötige Sicherheit von uns geschaffen wurde? Darin verrechne ich mich doch hoffentlich nicht?«

»Ja, Hans,« drängte jetzt auch Konsul Bark auf die Älteste von Maritzken ein, und der spöttische Gesellschaftston des Lebemannes war wie weggewischt, »der Bitte unseres Freundes schließe ich mich auf das dringendste an. In einer solchen Zeit, liebes Kind,« entfuhr es ihm achtlos, ohne daß er die zärtliche Benennung zu verdecken suchte, »müßten ja eigentlich all die lächerlichen Bedenklichkeiten zum Teufel fahren. Mein ganzes Haus steht leer. Ich besitze so viele Zimmer, daß ich ein Regiment unterbringen könnte. Wäre es nicht das Allernatürlichste – –«

»Nein,« schnitt die große Blonde mit aller Bestimmtheit ab, »das verstehen Sie nicht, lieber Konsul.« Und leiser fügte sie an: »Sie sind vielleicht allein daran schuld, daß ich Ihr freundliches Angebot für meine Schwestern nicht akzeptieren kann. Ich selbst komme ja gar nicht in Betracht.«

»Sie selbst nicht?« fragte der Kaufmann mit einem Schatten von Mißfallen, das der lebhaft aufhorchenden Isa nicht entging.

»Nein,« beendete die Gutsherrin das Gespräch in der ihr eigenen entschlossenen Weise, »lieber Freund, Sie wissen ja, wie das gemeint ist, wir wollen keinen unnötigen Streit darauf verwenden. Nein,« wiederholte sie völlig entschieden, »ich selbst kehre morgen auf das Gut zurück, um dort alle Anordnungen zu treffen, die jetzt gewiß sehr nötig werden. Aber über den ferneren Verbleib meiner Schwestern werde ich gern mit Ihnen beraten.«