»Zu Konsul Bark,« sagte sie rasch.
Über den Hof von Maritzken schritt durch die Schwärze der Nacht die hohe Gestalt eines Weibes. In ein Umschlagetuch gehüllt lehnte Johanna eine Weile an der Einfahrt und lauschte auf die Chaussee heraus, ob sich noch immer nicht das Rollen des zurückkehrenden Wagens anmelde.
Kein Laut.
Nur das hohle Aufschlagen der vereinzelt dahinstiebenden schweren Regentropfen fing ihr gespanntes Ohr auf, und dazwischen strich ein feuchter Wind zischend und raschelnd um die Pfeiler der Einfahrt. Eine leise Unruhe stieg in der Besonnenen auf. Sollte der Wagen vielleicht irgendwo eine Beschädigung erlitten haben? Jedenfalls wollte sie wach bleiben, um das Eintreffen Baumgartners zu erwarten. Fröstelnd hüllte sie sich tiefer in das warme Tuch und schritt langsam über den Hof zurück. Überall waltete schwere lastende Ruhe. Aus den Kuhställen drang ein vereinzeltes Brummen hervor, und aus den vergitterten, halb angelehnten Fenstern schlug eine bleiche Wolke tierischer Wärme heraus. Dicht vor dem Hause lösten sich zwei schlanke Schatten ab. Es waren die beiden munteren Schäferhunde, die jetzt wedelnd an ihrer Herrin in die Höhe sprangen. Eigentümlich grell leuchteten die Augen der Tiere durch die Finsternis.
Und weiter schritt Johanna durch das Haus. Hier und da legte die Sorgliche die Hand auf eine der Türklinken, um zu prüfen, ob auch überall verschlossen wäre. Dann stieg sie in den ersten Stock hinauf und blieb vor Mariannes kleinem Gemach stehen. Selbst bei dem trüben Licht des Petroleumlämpchens, das den schmalen Gang auch in der Nacht erhellte, konnte man erkennen, wie sich die Stirn der Einsamen verzog, als sie jetzt die tiefen Atemzüge der dort drinnen gewiß sorglos Schlummernden auffing. Bedrückt schüttelte sie das Haupt, und ein kurzer Seufzer entrang sich ihr, bevor sie sich losriß, um ihr eigenes Schlafzimmer aufzusuchen. Überaus eng und einfach bot sich der weiß gedielte Raum dar. Ein festes eichenes Bett, darüber an der bläulich getünchten Wand ein Holzkreuz des Erlösers, ein altertümlich geschnitzter Schrank, eine breite Eichenkommode, die zugleich als Waschtisch diente, – sonst nichts. Kein Schmuck, kein Zierat; nur an der Seitenwand hing der gebräunte Buntstich des Preußenprinzen Louis Ferdinand, und die dunklen, schwermütigen Augen des Bildes verfolgten das große blonde Weib, als es sich jetzt hart auf den Rand seines Bettes niederließ, und verhinderten sie daran, zum erstenmal an dem Arbeitstage ruhig ihre fleißigen Hände in dem Schoß zu verschränken. Das einzige Fenster des Zimmerchens stand noch offen, und die Einsame wandte ihr Haupt und lauschte von neuem. Draußen schüttelten die schmal geschnittenen Eichen ihre hochragenden Kronen, und die Blätter wisperten und raunten in scharfer, spitzer Geschwätzigkeit. Müde erhob sie sich, um das Fenster zu schließen. Dann begann sie, sich gedankenlos zu entkleiden. Sie löste das reiche blonde Haar, das jetzt, nachdem es entfesselt war, in lichten Wellen an ihr herniederfiel. Aber die Besitzerin dieses Schmuckes wandte keinen Blick auf die weiche Pracht, sondern warf hastig ihre Bluse ab. Und wieder zuckte sie betroffen zusammen, als sie merkte, wie fröstelnd es ihr am Abend des heißen Augusttages über die entblößten Arme schnitt.
Jetzt – aber mein Gott, was war das? Was bedeutete es, daß die Augen des toten Prinzen dort oben auf dem Bilde einen immer sprechenderen Ausdruck annahmen? Ein matter Zug von Sattheit und doch unterdrückter Lebensgier spielte dabei um die fein geschwungenen Lippen, und es lag etwas Spöttisches, Wegwerfendes in der Art, wie das Bild ihr auf Schulter und Nacken herabschaute.
Minute auf Minute verstrich. Von draußen summte der matte Schlag der Dorfuhr herein, und dazwischen hämmerten schwere Tropfen, jetzt ununterbrochen, gegen die Fensterscheiben. Ein unablässiges Spritzen und Rinnen. Sie wandte sich und sah, wie der weiße Vorhang des Fensters in der Zugluft, die durch die undichten Fugen schlüpfte, leise hin und her bewegt wurde. Um das Lämpchen auf dem Waschtisch schwirrte und gaukelte ein winziger Nachtfalter. Von Zeit zu Zeit vernahm sie das Anschlagen seiner Flügel.
Jedoch allmählich vermischten und verwirrten sich die Geräusche. Das Frösteln über ihrer Brust zwang sie, sich tiefer zu verhüllen, sie griff in den weißen Bettüberzug, lehnte sich weiter zurück, und noch einmal war es der Versinkenden, als vermöge ihr drohender und abweisender Blick das merkwürdige Lächeln von dem Bilde dort oben zu verscheuchen.
Draußen regnete es heftiger, aber in der kleinen Schlafstube wurde es still.