Halb betäubt sank sein Haupt an ihre Brust. Er war so zerschmettert, daß er für nichts mehr das volle Verständnis besaß.

Da wurde an die Tür geklopft. Erst leise, dann energisch, und schließlich trat Herr Rosenblüt ins Zimmer und blickte sich verdutzt in der Krankenstube um. Die dumpfe Luft und das Bild der beiden sich umschlungen haltenden Gatten ließ ihn einen Moment verstummen, eine Art Rührung zuckte in den Zügen des Händlers auf, dann aber drängte die Zeit gar zu gewaltig, und er räusperte sich stark: »Guten Morgen – Frau Wilms – ich bitte um Entschuldigung – wie geht es Ihnen? – aber es ist die höchste Zeit, Herr Wilms – ich muß mit Ihnen reden, jetzt sofort. Der Kerl ruiniert Ihnen ja die ganze Wirtschaft.«

Die fremde Stimme traf Else wie ein Schuß.

»Großer Gott, wer ist das?« stammelte die Kranke, als sie den Eindringling, der ihr eine linkische Verbeugung machte, gewahrte, und über ihr Gesicht flutete eine brennende Röte: »Was will er hier? – Wilms, mein Zimmer ist doch nicht zu Geschäften da? Warum gehst du mit dem Herrn nicht in die Wohnstube?«

Es war ein unfreundlicher Gruß, und Herr Rosenblüt stand wie angedonnert. Erst als Wilms ihn unter den Arm faßte und begütigend aufforderte, ihm zu folgen, hatte sich der Händler soweit gefaßt, daß er energisch den Hut schwenken und gereizt auffahren konnte:

»Wozu? Da kann ich ja auch gehen. Adieu auch, Herr Wilms, empfehle mich Ihnen, verehrte Frau.« Aber Wilms ließ ihn nicht, und mit vielen Bitten und Entschuldigungen schob er ihn durch eine braunlackierte Tür, in deren Mitte ein großes, ovales, durch eine Gardine verdecktes Guckfensterchen angebracht war, aus dem Zimmer. In der Wohnstube standen einfache grüne Ripsmöbel, gestickte Deckchen prangten auf dem Sofa, und mitten durch die Zimmerdecke zog sich ein großer, tapetenüberklebter Balken. Hier fiel Wilms in einen der Polsterstühle nieder, stützte seinen Kopf in die Hand und fragte endlich den Geschäftsfreund nach dessen Begehr, aber es klang alles so zerstreut, so fern und tonlos, als ob der Geist des Mannes auf düsteren Irrpfaden wandele. Und dieses Gebrochensein, dieses vollständige Einschlafen einer ehemals großen Kraft erschütterte den andern. Mitleidig halb, und halb furchtsam, trat er auf ihn zu. Dann berührte er mit seinem Stock die Schulter des Sitzenden, und während er ihm nun unaufhörlich leise auf die Achsel schlug, redete er eindringlich auf ihn ein. Es war ein langer Vortrag, aber Wilms hörte nur eins heraus, und das war etwas Hoffnungsfreudiges, mitten in seiner trostlosen Nacht, ein Frührotschimmer, ein aufblitzendes Licht. – Herr Rosenblüt war über die Pfändung empört. – Der Beamte hätte gewiß das Doppelte des Werts aus der Wirtschaft gezogen, die schönsten Stücke Vieh, ohne die der Besitzer gar nicht weiter existieren konnte. Seine Entrüstung war zu ehrlich, es sprudelte nur so aus ihm. – »Was soll das heißen? – Daran verdient der Graf ja ein Heidengeld? – Die besten Tiere – Kunststück. – Wilms, wissen Sie was? Ich zahle Ihnen die 3600 Mark, und Sie stellen mir dafür die gepfändeten Stücke beiseite. Und wenn Sie in acht Tagen die Summe nicht an mich zurückerstatten können, dann, nun dann gehört alles mir. – Das ist ’ne Spekulation. – Ich bin ein Geschäftsmann – das ist ’n Geschäft – wollen Sie?«

»Ja, ja.« O, es war ja dem Verschmachtenden, als hätte ihm eine freundliche Hand einen Trunk kalten Wassers nach staubiger Wanderung gereicht. Er fühlte förmlich, wie ihn etwas erfrischend, wohlig durchrieselte. Langsam stand er auf und reckte sich. – Acht Tage Zeit – noch eine ganze Woche? – Ja, bis dahin mußte ja Rettung kommen, irgend woher, gleichviel, jedenfalls war vorläufig die entsetzlichste Last von seiner Seele gewälzt. Tief atmete er auf, seine Brust hob und senkte sich rasch.

»Ja, alter Freund, natürlich, ich nehme es an, mit tausend Freuden, geben Sie her.«

Der Händler jedoch hielt noch einen Augenblick mißtrauisch inne.

»Herr Wilms, nehmen Sie mir’s nicht übel, ich habe noch eine Bedingung.«