Eine Zeitlang verharrte sie so, als jedoch nach einer Weile die Jüngere von neuem nach der Medizinflasche griff, schüttelte Else nervös den Kopf und fragte überstürzt, als ob ihr dies schon lange auf der Seele gelegen hätte:
»Hedwig, ich wollte dich einmal fragen, gefällt es dir denn bei uns?«
Es lag etwas so Ängstliches im Ton der armen Frau, daß Hedwig unruhig wurde.
»Gewiß,« gab sie rasch zurück, »überdies kam ich doch auch nur, um dich zu pflegen –«
Die Kranke richtete sich mühsam auf: »Und was denkst du – von Wilms?« fuhr sie hastig fort, ohne auf das eben Gehörte einzugehen.
Hedwig erschrak. Sie wußte selbst nicht warum. Unwillkürlich mußte sie sich gerade jetzt daran erinnern, wie eisern fest Wilms heute vormittag ihre Hände umklammert hatte. Dem starken Mädchen wurde plötzlich das Alleinsein mit der aufgeregten Kranken drückend und unheimlich.
»Kannst du ihn leiden?« forschte die letztere dringender, und umschlang in ihrer sitzenden Stellung den Hals der Schwester.
»O ja« – murmelte diese verwirrt – »dein Mann macht einen braven, rechtschaffenen Eindruck. Und vor allen Dingen scheint er um dich so aufrichtig besorgt.«
»Glaubst du?« seufzte die Kranke erleichtert auf. – Dann drückte sie sich erregter an die Schwester, so daß ihre Wange an der Hedwigs ruhte.
Schaudernd empfand die Jüngere die Berührung der feuchten fiebergeschüttelten Haut, ja ein leiser Widerwille beschlich sie, als sie von der Kranken jetzt heiß und zärtlich auf die Wange geküßt wurde.