Ne, bei uns Niederen, da steckt es nich, aber bei solch einem Herrn, der die Macht hat, da is woll's Glück zu Hause. — Ich kann mir man denken, so einer pfeift — hüh — und dann gleich zehn Dieners schmieren ein Butterbrot, — und pfeift wieder, und — hast du nich gesehn — zehn andere ziehen ihm die Stiebeln aus. Ja, das laß ich mir noch gefallen — Aber — hm — ne, wie is das denn mit den Attentaten? Ich besinn' mich doch, wie oll Kusemann einst vorlas, mit den russ'schen Kaiser? Da soll es so 'ne Sorte geben, die es für ehrenvoll halten, so 'nen hohen Herrn mit allerlei Mordwerkzeuge auf den Leib zu rücken? Ich trink 'ne Tasse Kaffee, und dann is da Gift drin, ich drück' jemandem freundschaftlich die Hand, und die Karnallge stößt mir zur Antwort ein Brotmesser ins Genick. Pfui Deibel, mir könnten sie ja solche Kaiserstellung umsonst anbieten. Und was so 'ne arme Kaiserfrau zu Hause woll vor Angst aushalten muß — Ne, das wär ja rein zum Verzagen.
Aberst, das merk ich schon, mit allens, was unsre menschlichen Augen rund um sich herum sehen können, da bin ich nu durch. Is aber überall das Glück nich dabei gewesen. Na aber — daß mir das zuletzt noch einfallen muß — vielleicht verhält sich das mit dem Glücke nich anders wie mit dem lieben Gott; — es is unsichtbar. —
Hier schlug er vor Freude über den Einfall schallend auf die Pritsche, daß das Spinngewebe in der Ecke erzitterte. Und da er grade beim »lieben Gott« angelangt war, so fuhr er fort: Ja, es mag wohl in den innerlichen Geschichten liegen, vor allen Dingen in der Frömmigkeit. Wer fromm is, dem sind ja alle Seligkeiten versprochen.
>Selig ist — — —<, na, ich hab das auch nicht mehr so im Kopf, aber das is wahr, wer so recht fest an oben hängt, der kommt sich wohl zum Schluß vor, als ob ihm an Händen und Beinen ein langer Faden angebunden wär', wie bei die Hampelmänner auf dem Weihnachtsmarkt, und oben wird nun bei jedem Schritt gezogen, so daß man am Ende gar nich fehl gehen kann. Wahrhaftig, das wär doch recht sicher! — Und is das nicht auch beinah' so, wie bei den neumodischen Feuerversicherungen? Da heißt's: >Laßt ruhig zu Haus brennen, die Feuerversicherung Phönix zahlt nachher doch.< Sieh, dies Stück könnt' mir eigentlich gefallen.
Na ja, wenn bloß der lahme Krischan nicht hinterher hinkte.
Wer nämlich so eine himmlische Versicherung hat, wird sich der nich fix auf die faule Seite legen? — Und dann — gegen die Bettelei haben sie Vereine gegründet; wird jeder gleich eingesperrt. Zu dem lieben Gott aber gehen dieselben Vereine hin und betteln da ganz ausverschämt. — Denn was is Beten anders als Betteln? Und um was für Dinge belästigen sie nun den lieben Gott? Der eine wegen sein krankes Schwein, der andere um eine Nacht bei einer hübschen Dirn', und Bauer Haberkorn auf Poggenpfuhl hat den liefen Gott ganz andächtig gebeten, ob er seine Frau nich an einem giftigen Pilz draufgehn lassen wollt'. Und wenn nun der erste am selbigten Tag um Regen und der zweite um Sonnenschein bittet, was soll der Herr da anfangen? — Da is gar keine Menschenmöglichkeit.
Ne, mich is das grad'zu entgegen, wenn ich so die vielen Menschen wie Spitzbuben in die Kirch' schleichen seh', um den lieben Gott was aus der Tasch' zu ziehen. Ich hab' mich immer gedacht, hinbringen müßten sie was, hinbringen, und wenn's die lumpigste gute Tat wär', zum Beispiel einen Betrunkenen nach Haus tragen, damit er kein Elend anricht't. Und nich immer bloß die off'nen Bettlerhänd' hinhalten. Denn was muß das auf den lieben Gott woll auf die Dauer für einen Eindruck machen? — Ne, wenn ich Er wär', ich hätt' all längst das Schild >gegen Bettelei< an der Kirch' anschlagen lassen.
Ja, aber nun überhaupt mit dem lieben Gott —
Diesen Satz beendete Hann Klüth jedoch nicht, sondern erschrak und zog scheu die wollene Decke enger um sich, denn die Abenddämmerung war bereits niedergesunken.