An einem Dezembermorgen, kurz vor Weihnachten, in den Straßen blitzte fußhoher Schnee, da hing sich Fräulein Dewitz ihre Pelzkappe um, die ein Erbstück von Hollanders verstorbener Gattin war, zog sich die perlgrauen Handschuhe auf, die sie allein für vornehm hielt, und ließ sich von ihrem kleinen Aufwartemädchen eine Mietsdroschke holen.
»Nach Moorluke,« sagte sie beim Einsteigen zum Kutscher und sah ihn dabei ganz ängstlich an.
Der Kutscher im Schafpelz kratzte sich hinter dem Ohr.
»Je, Madamming,« warf er ein, »wenn wir man hinkommen. Das erste Mal sind wir grad bis zum Steinbeckertor gekommen, dann hieß es: umkehren! Das zweite Mal bis an den Rick, das dritte Mal bis an die Räucherhäuser. Soll mich wundern, wie weit 's heute geht?«
»Nein, nein,« beharrte das alte Fräulein, »heute tu ich's. Und achten Sie mir ja auf die Kiste da vorn.«
»Na, denn hü!« brummte der Kutscher.
Aber als die weiße Bahn des Flusses vor ihr aufblitzte, da begann der Handarbeitslehrerin das Herz zu klopfen.
Noch hielt sie sich. Sie preßte ihr Antlitz in den Muff, als ob sie nichts hören und sehen wollte.
»Es ist sehr schwer,« flüsterte sie in sich hinein, »für eine, die sich ihr ganzes Leben vor so etwas gehütet hat, — — — aber die Ärmste ist ja beinah eine Kranke, und man braucht ja auch nicht von dem Schrecklichen zu reden. Nein, das braucht man schließlich nicht. Man hat ja auch ein bißchen gesellschaftliche Kunst, Savoir vivre! — Gott, wie ich sie bloß finden werde?«