Phot. Ad. Baumann, Hofphotograph in München.

Über Oberländer ist viel geschrieben worden, so z. B. von Fr. Th. Vischer in »Altes und Neues 1882«, von Adolf Bayersdorfer in »Kunst für Alle«, von Ola Hansson in der »Zukunft 19. IX. 96«; auch Muther widmet ihm eine ausführliche Besprechung in seiner »Geschichte der Malerei des neunzehnten Jahrhunderts«.

Hansson sieht Oberländer verzerrt, sein feinsinniges Essay bietet nur eine treffliche Charakteristik, und das ist die Ola Hanssons. »Es gleicht dem Geist, den du begreifst, nicht mir!« hätte Oberländer von dieser Studie sagen können. Vischer stimmt mit Hansson überein, der den Zusammenhang Oberländers mit der Tendenz der »Fliegenden« leugnet und sagt: »Was haben diese Zeichnungen mit den Witzen zu thun, die zufällig darunter stehn?« — Er gibt zu, daß die Freiheit der Regung dem Zeichner in den »Fliegenden« fehlt, um sich zur einschneidenden Kraft auf dem Felde der höheren Satire zu entwickeln.

Jedenfalls ist Oberländers Kunst weder so harmlos, wie sie Fred. Walter in »Kunst unserer Zeit« darstellt, noch so bitter und zersetzend, wie sie dem geistvollen Ola Hansson erscheint. Bayersdorfer hat das große Geheimnis ihrer Wirkung scharf in die Worte gekleidet: »Oberländers Kunst ist eine seherhafte Physiognomik«; und ich meine, in dem Wort »seherhaft« liegt es schon begründet, daß er nicht der große Spötter, der Verächter des Heutigen ist, wie ihn Hansson uns schildert, sondern daß er zuerst und zuletzt Künstler und Humorist ist, der ebenso der Welt, wie seinen Träumen angehört. Wenn man das ganze Werk Oberländers durchblättert und diese schwellende Lebensfülle, den Gestaltenreichtum an sich vorüberziehen läßt, so wird man sich sagen: ein so nüancenreiches Schauspiel an Dingen und Wesen, Affekten und Stimmungen bietet das Leben keinem. All das muß im Grunde schon Oberländer in sich getragen haben von Anfang an, als ein künstlerisches Ahnungsvermögen für Form und Ausdruck — eine seherhafte Physiognomik. Und deswegen hat seine Kunst gerade soviel Kraft und Kritik des Lebens, wie sie braucht, um ganz auf dem Boden zu bleiben, und soviel Traumhaftes, soviel künstlerische Einfalt, wie sie bedarf, um nicht zur sachlichen Kritik herabzusinken.

Nicht allein der Witz des Gedankens, die Komik der Darstellung ist es, die uns so sehr in den Bann Oberländers zieht, sondern die hohe Vornehmheit, mit welcher hier alles gegeben ist, die Empfindung des reifen, abgerundeten Könnens, das zu uns spricht. Bei allen Vorzügen, bei der schlichten Lieblichkeit des landschaftlichen Ausschnittes (Muther vergleicht Oberländer mit Cazin); bei dem wunderbaren Verständnis für Stil in Häusern wie Straßen, in Menschen wie Kleidung, in Tieren wie Pflanzen, bei der außerordentlichen Glaubhaftigkeit seiner Bewegungsmotive tritt nie »das Seherhafte« zurück; es ist stets ein vollkommenes Verarbeitethaben im Werk, eine völlige geistige Überwindung des Modells.

Abb. 110. Oberländer: Ein fideles Gefängnis. (Fliegende Blätter.)