„Nu ist von Burgonden der edel künec tôt,
Gîselher der junge und ouch her Gêrnôt.
den schaz den weiz nu niemen wan got unde mîn:
der sol dich, vâlandinne, immer wol verholen sîn.“
Sie erfährt also den Aufbewahrungsort des Schatzes nicht, tröstet sich aber damit, daß sie den Balmung, den einst ihr Siegfried geführt hat, durch Hagens Gefangennahme in die Hände bekommen hat. Mit ihm rächt sie ihren Jammer, indem sie Hagen eigenhändig tötet. Aber Hiltebrand erträgt nicht, daß Helden von der Art Hagens von einem Weibe fallen; er springt hinzu und tötet Kriemhilt selbst. Der Vernichtungskampf hat nun ein Ende; von namhaften Personen sind ihm nur entgangen Etzel (auf dessen Tod doch gerade die nordische Darstellung hinausgeht), Dietrich und Hiltebrand. Damit schließt unser Lied.
Ein etwas späterer Dichter hat ihm eine Fortsetzung in abweichender Versform (sogenannten kurzen Reimpaaren) unter dem Titel „Klage“ angehängt, ein matt nachklappendes Gedicht, das erzählt, wie die Toten beerdigt werden, und was aus den wenigen Überlebenden noch geworden ist. Für uns ist nur von Interesse die merkwürdige Stelle, die sich am Schlusse der einen Bearbeitung der Klage (C) findet; hier heißt es: was aus Etzel geworden ist, das weiß kein Mensch; es ist unbekannt, was er für ein Ende genommen hat. Für die Entwickelung der Sage aus der Geschichte ist diese Bemerkung von größter Wichtigkeit.
Im Nibelungenliede hat sich das Interesse der Dichter und ihrer Zuhörer andern Teilen zugewendet als in der Lieder-Edda. Während im Norden der erste Teil der Sage ausführlich und breit, teilweise auch in verschiedenen Variationen erzählt wird, ist der zweite Teil einfach und kurz; zwischen den beiden Hauptteilen besteht ein eigentlicher Zusammenhang nicht; ganz äußerlich ist ferner noch ein dritter Teil angehängt, die Geschichte von Svanhild, die zwar in Deutschland wohl bekannt, aber nicht an die Nibelungen-, sondern an die Dietrichsage angeschlossen ist. In Deutschland aber sind die beiden Hauptteile der Sage dadurch innerlich in Verbindung gebracht, daß der Untergang der Burgunden aufgefaßt wird nicht als von Etzel, sondern von Kriemhilt ausgehend, und daß diese nicht, wie im Norden, an ihrem zweiten Gatten den Tod ihrer Brüder rächt, sondern an ihren Brüdern den Tod ihres ersten Gatten; damit ist ein innerer Zusammenhang zwischen dem ersten und zweiten Teile hergestellt: der erste Teil ist die Ursache des zweiten geworden. Daraus ist weiter die Notwendigkeit erwachsen, daß Etzel nicht ermordet wird, sondern übrig bleibt, und die Erzähler zunächst nicht wissen, was aus ihm geworden sein mag. Seine und Kriemhilts Interessen fallen in der deutschen Darstellung eben zusammen, und es mangelt der Kriemhilt jeder Grund, ihn zu töten.
Welche Darstellung der Sage, die nordische oder die deutsche, die ältere ist, das ist nicht schwer zu entscheiden: selbstverständlich diejenige, in der die beiden Teile auseinanderklaffen. Denn das Auseinanderreißen zusammengehöriger Stücke würde niemand unternommen haben; wohl aber kann man jemandem zutrauen, daß er zwei Erzählungen, wie die Geschichte von Siegfried und die Geschichte von dem Untergang der Burgunden und Attilas Tod, die durch beiden gemeinsame handelnde Personen zusammengehalten werden, auch innerlich in ursächlichen Zusammenhang bringt.
b) Zweikampfsage und Thidrikssaga.
Im deutschen Liede spielt eine Figur, die in der Lieder-Edda uns nur ganz beiläufig entgegentritt[31], eine Hauptrolle: Dietrich von Bern. Er ist im Grunde die Hauptperson, denn er bringt in dem großen Kampfe die Entscheidung.