Nach einiger Zeit geraten Brynhild und Grimhild in den unvermeidlichen Zank, der ja für die weitere Entwicklung der Sage notwendig und der eigentliche Kern der Erzählung ist. Hier dreht es sich nicht ums Baden, auch nicht um den Vortritt an der Kirche, sondern um den Hochsitz, den früher die Mutter Grimhilds innegehabt hat, und der jetzt natürlich der Gattin Günthers gebührt. Grimhild beansprucht ihn vergeblich für sich und enthüllt in ihrem Zorn das Geheimnis, daß Siegfried der Brynhild Liebe genossen hat. So wird denn der Mord beschlossen und im wesentlichen so ausgeführt, wie es in unserm Liede erzählt wird, bei Gelegenheit einer Jagd.

Auch im zweiten Teile der Nibelungensage schließt sich die Saga sehr eng an die deutsche Fassung an, stellenweise so eng, daß man den Eindruck hat, der Sagaschreiber hat unser Lied vor sich oder wenigstens im Ohre gehabt und danach seine Erzählung zusammengestellt. Doch sind einige tiefgehende Abweichungen vorhanden. Eine der auffälligsten ist die, daß Dankwart ganz unbekannt ist, während Volker eine Rolle wie im Liede spielt; eine ganze Reihe von Szenen, die wir vorhin bei der Betrachtung des Liedes als jung erkannten, fehlen der Saga. Aber auch sonst weicht manches ab, denn der Sagaschreiber ist ein überlegender Mann; er bringt nicht gern Unmöglichkeiten vor, sondern hat seinen Text, so gut es geht, auf den festen Boden der Wirklichkeit gestellt. Das ist ihm freilich nicht immer geglückt. Einige Stellen verdienen besondere Betrachtung. Die Geschichte mit dem Fährmann wird in der einfachen Weise, die auch im Liede noch durchklingt, vorgetragen: er läßt sich durch einen dargebotenen Goldring geneigt machen, da er ihn seiner jungen Frau mitbringen will. Der Ausbruch des Kampfes am hunnischen Hofe wird deutlich dadurch herbeigeführt, daß Grimhild bewußt ihren Sohn opfert, was im Liede nur noch angedeutet ist. Wir haben hier zweifellos in der Quelle der Saga eine Darstellung, die etwas altertümlicher ist als die unseres Liedes; die Vermutung drängt sich auf, daß Nibelungendichter und Sagaschreiber auf Grund derselben Vorlage gearbeitet haben. Gegen den Schluß hin ist eine wesentliche Abweichung die, daß Günther frühzeitig gefangen und in den Schlangenturm geworfen wird, so daß er also nicht neben Hagen der letzte sein kann, wie sonst überall berichtet wird. Dafür bleibt neben Hagen Giselher bis zuletzt übrig. Das ist ein Zugeständnis, das der Sagaschreiber der nordischen Sagenform machen muß; im Norden steht fest, daß Gunnar im Schlangenturme zugrunde geht. Eigentümlich ist ferner, daß Hagen hier nicht von Grimhild getötet[39], sondern, wenn auch todwund, von Dietrich gefangen und gerettet wird, so daß er sogar die Freunde noch einige Zeit überlebt. Diese Neuerung zielt auf eine uns hier zum ersten Male begegnende Nachdichtung hin: von Dietrich läßt sich Hagen ein edles Mädchen beschaffen, mit der er in den letzten Tagen seines Lebens seinen Rächer erzeugt; bevor er stirbt, gibt er ihr noch die Schlüssel zum Nibelungenhorte (der in einem Berge liegend gedacht wird) und die nötigen Anweisungen. Nach seinem Tode gebiert das Mädchen einen Sohn und nennt ihn Aldrian, nach Hagens Vater. Dieser Aldrian wird an Attilas Hofe erzogen und, herangewachsen, von seiner Mutter über seine Bestimmung unterrichtet. Er kommt ihr nach, indem er Attila fragt, ob er den Nibelungenhort haben will, und als dieser — wie natürlich — darauf eingeht, führt er ihn zum Horte und schließt ihn bei demselben ein; seitdem ist Attila verschwunden. Aldrian kehrt aber nach dem Nibelungenlande zurück und wird dort König. Das ist der letzte Abschnitt der Saga, der uns hier angeht.

Die Erzählung ist hier weiter geführt als im Liede und zwar in ganz neuer Art; die Nachbildung von Aldrian (die natürlich nicht vom Sagaschreiber herrührt) erfüllt mit Geschick einen doppelten Zweck: sie befriedigt das Bedürfnis der Rache für die ausgemordeten Burgunden, und sie schafft Etzel aus der Geschichte.

Im eddischen Liede Atlamál erscheint neben Gudrun ein Niflung als Rächer der verratenen Burgunden; sein Auftreten beruht wohl auf Beeinflussung durch die eben besprochene Aldriansage, die demnach schon etwa im 11. Jahrhundert entstanden sein dürfte.

Der Verfasser der Saga hat augenscheinlich, neben andern Quellen, für die Nibelungensage in der Hauptsache zwei Dichtungen benutzt: eine, die vom Auftreten Siegfrieds in Worms an bis zum großen Kampfe reichte und mit dem Nibelungenliede ganz nahe verwandt war, und die Grundlage der Zweikampfdichtung. Da die letztere innerhalb der ersteren keine Stelle hat, so verfuhr der Sagaschreiber so, daß er sie dieser voranstellte; Siegfried steht daher bei ihm zur Zeit des Zweikampfes noch nicht in Günthers Umgebung (wie die angeführten hochdeutschen Gedichte behaupten, und wie es natürlich ist), sondern wird in diese erst durch Dietrichs Sieg eingeführt. Der König Isung von Bertangaland ist nach meiner Empfindung nichts als eine Schöpfung des Sagaschreibers, notwendig geworden dadurch, daß Siegfried erst später in Günthers Kreis tritt, also zur Zeit des Zweikampfes einen andern Herrn haben muß. Jung ist die Figur auf jeden Fall, denn die Verwendung von Bertangaland (der Bretagne) in unserm Literaturkreise kann nicht wohl vor dem Bekanntwerden der Artussage (frühestens Ende des 12. Jahrhunderts) möglich gewesen sein. Eine dritte norddeutsche Quelle benutzte der Sagaschreiber in der Geschichte von Etzels Tod; nach einer vierten, von der das gleich nachher zu besprechende Gedicht vom Hürnen Seifrid teilweise abhängt, legte ein jüngerer Bearbeiter der Saga die Geschichte von Siegfrieds Jugend ein.


Anhangsweise mag an dieser Stelle angeführt werden, was über das Fortleben unserer Sage in Skandinavien besonders wissenswert ist.

Durch die im 13. Jahrhundert entstandene Thidrikssaga gelangte die deutsche Sagenform den Nordleuten zur Kenntnis und schließlich, wenigstens in Dänemark, zur Herrschaft. Die im Jahre 1591 zum ersten Male veröffentlichten dänischen Heldenlieder (Kämpeviser) bieten, soweit sie die Nibelungensage behandeln, durchaus die Stoffgestalt der Thidrikssaga dar. Charakteristisch ist, daß schließlich die Figuren des Hagen und des Volker alle andern Nibelunge derartig überwuchern, daß diese der Vergessenheit anheimfallen; die Sympathie des Publikums hat sich dem Hagen und Volker ausschließlich zugewandt, so daß zuletzt sogar Siegfried zu unwürdiger Rolle verdammt wird. Am drastischsten tritt das zutage in der 1603 dänisch abgefaßten „Chronik der Insel Hven“, die aus dem Lateinischen übersetzt zu sein vorgibt. Als Lokal der Ereignisse ist hier die im Sunde gelegene Insel Hven an die Stelle von Etzelnburg getreten.

Auf den im nördlichen Teile des Atlantischen Ozeans gelegenen Färöer, die von Norwegen aus besiedelt sind, entdeckte 1817 Lyngbye volkstümliche Lieder, die alte Stoffe behandeln; drei von ihnen geben einander anschließend die ganze Nibelungensage wieder: Regin smidur, Brinhild und Högni; während die beiden erstgenannten noch die spezifisch nordische Sagenform aufweisen, gibt das Lied von Högni die Erzählung in der jüngern Gestalt wieder. Bis auf die Färöer also hat die Thidrikssaga die deutsche Sagenform verbreitet.

c) Hürnen Seifrid.