Als Hagens Heimat gilt in der deutschen Sage ein geographisch ganz unbekanntes Tronje; schon die mittelhochdeutschen Dichter wissen mit diesem Ortsnamen nichts Rechtes anzufangen und identifizieren ihn gelegentlich mit bekannten, z. B. mit Troyes in der Champagne, oft aber erscheint statt Tronje direkt Troye, Troja (so in der Thidrikssaga); ja, schon die älteste Quelle, eben Eckehards Waltherdichtung, nennt Hagen venientem de germine Trojae. Nun ist „Tronje“ eine ganz undeutsche Bildung; wäre sie alt, so würde der Ort „Trünne“ oder ähnlich lauten müssen[42]. Da nun die Franken seit der Besitznahme Galliens sich nach dem Vorbilde der Römer trojanischer Abkunft rühmten, so ist mir immer noch das wahrscheinlichste, daß in Tronje eine verdunkelte Erinnerung an Troja steckt. Die fränkische Trojanersage spielt übrigens vielleicht noch an einer andern Stelle in unsern Stoff herein: darin, daß aus Siegfrieds Reiche im Nibelungenliede gerade nur das Städtchen Xanten genannt wird. Denn dies ist die Fortsetzung der alten Römerstadt Colonia Trajana, die man, nachdem Kaiser Trajans Gedächtnis erloschen war, als Colonia Trojana verstand; Xanten heißt daher auch Klein-Troja (lützel Troye). Doch höchstens in der Wahl gerade dieses Ortes für den Sitz Sigemunds hat die Trojanersage bestimmend gewirkt, sonst ist sie ohne Bedeutung für Siegfrieds Geschichte geblieben.
Neben Hagen tritt später in der deutschen Version sein treuer Kampfgenosse Volker der Spielmann; er ist dem Nibelungenliede und der Thidrikssaga gemeinsam geläufig. Seine Figur verdankt ihre Entstehung wohl den fahrenden Spielleuten, die nicht leicht unterließen, in den von ihnen behandelten Stoffen ihresgleichen möglichst in den Vordergrund zu rücken; in unserer Sage haben sie es, im Anschluß an damals geübte Sitte, dadurch getan, daß sie im Gefolge der namhaften Könige Spielleute auftreten ließen: bei Etzel den Werbel und den Swemmel, bei Günther den Volker. Während jene im Nibelungenliede einfache Leute geblieben sind, erscheint Volker aus der alten niedern Sphäre herausgehoben; den Grund erkennt man aus folgender Strophe (Text B 1477 Bartsch):
Wer der Volkêr wære, daz wil ich iuch wizzen lân:
er was ein edel herre; im was ouch undertân
vil der guoten recken in Burgonden lant.
durch daz er videln kunde, was er der spilman genant.
Dem Dichter des Nibelungenliedes ist offenbar der einfache Spielmann nicht gut genug gewesen (ebensowenig wie der Findling Siegfried); er erhebt ihn deshalb zum edeln Herrn und erklärt die Bezeichnung „Spielmann“ aus seiner Kunstfertigkeit. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts hat ja auch die Annahme dichtender und musizierender Edelleute nichts seltsames mehr.
Schließlich tritt noch, aber nur im Nibelungenliede, Hagens Bruder Dankwart über das Durchschnittsmaß hervor; er ist des Königs Marschall und hat als solcher Führung und Pflege der großen Schar von Knechten, die mit nach dem Hunnenlande ziehen. Mit diesem Heere steht und fällt Dankwart: seine Figur ist von demselben Autor geschaffen, dem die verhältnismäßig einfache Grundlage der Erzählung nicht mehr zeitgemäß erschien, eben dem eigentlichen Dichter unseres Liedes. Wir haben bei der Analyse desselben vorhin gesehen, daß alle Szenen, in denen Dankwart auftritt, jüngern Ursprungs sind. Auffällig bleibt aber eins: im 1. Teile des Liedes tritt Dankwart nur einmal deutlich hervor, bei der Fahrt zur Brünhilt, die er als vierter neben den drei sagenechten Gesellen Günther, Hagen und Siegfried mitmacht; er ist also damals bereits erwachsen. Trotzdem sagt er später zu Blödel (B 1924 Bartsch):
ich was ein wênic kindel, dô Sîfrit vlôs den lîp,
könnte also danach zur Zeit jener Fahrt überhaupt noch nicht gelebt haben. Wir kommen hier um die Annahme einer Entgleisung unseres Dichters nicht herum, da ihm alles, was Dankwart betrifft, zugeschrieben werden muß. Ein solcher Fehler wiegt in einer Zeit, da Bücher nicht gelesen, sondern vorgelesen werden, nicht so schwer: der Leser kann, wenn ihm dergleichen auffällt, zurückblättern und nachprüfen, der Zuhörer aber wird durch den Strom der Vorlesung zu rasch weiter gerissen, als daß er sich lange bei Anstößen aufhalten könnte.