Köstlich — nicht wahr? Für einen Cranach fabelhaft.
DAME
Willst du es als Bild so hochschätzen?
SOHN
Als Bild selbstverständlich! Aber daneben das Merkwürdige der Darstellung. Für Cranach — und für die Behandlung des Gegenstandes in der gesamten Kunst überhaupt. Wo findest du das? Pitti — Uffizien — die Vatikanischen? Der Louvre ist ja ganz schwach darin. Wir haben hier zweifellos die erste und einzige erotische Figuration des ersten Menschenpaares. Hier liegt noch der Apfel im Gras — aus dem unsäglichen Laubgrün lugt die Schlange — der Vorgang spielt sich also im Paradies selbst ab und nicht nach der Verstoßung. Das ist der wirkliche Sündenfall! — Ein Unikum. Cranach hat ja Dutzend Adam und Eva gemalt — steif — mit dem Zweige in der Mitte — und vor allem die zwei getrennt. Es heißt da: sie erkannten sich. Hier jubelt zum erstenmal die selige Menschheitsverkündung auf: sie liebten sich! Hier zeigt sich ein deutscher Meister als Erotiker von südlichster, allersüdlichster Emphatik!
Vor dem Bild.
Dabei diese Beherrschtheit noch in der Ekstase. Diese Linie des männlichen Armes, die die weibliche Hüfte überschneidet. Die Horizontale der unten gelagerten Schenkel und die Schräge des andern Schenkelpaares. Das ermüdet das Auge keinen Moment. Das erzeugt Liebe im Hinsehen — der Fleischton leistet natürlich die wertvollste Hilfe. Geht es dir nicht ebenso?
DAME
Du bist wie dein Bild naiv.
SOHN