9) Ueber Diptychen, Necrologien, Martyrologien und Verbrüderungsbücher im Mittelalter mit besonderer Rücksicht auf die Kronländer Oesterreichs. Von Karl Hirsch. Programm des k. k. Gymnasiums in Graz. 1865. 39 Stn. 4. Dieses Schriftchen behandelt eine Klasse historischer Quellen, deren ganze Bedeutung erst in neuerer Zeit gewürdigt worden ist. Während man denselben früher meist nur ein räumlich beschränktes Interesse abzugewinnen wuſste, hat die fortgeschrittene Wissenschaft auch von den spärlichsten Aufzeichnungen aus Zeiten, die an schriftlichen Denkmälern so arm sind, nützlichen Gebrauch zu machen gelernt. Es ist daher als ein verdienstvolles Unternehmen zu betrachten, daſs der Verfasser der vorliegenden Arbeit die Natur und den Werth der in der Aufschrift genannten geschichtlichen Quellen beleuchtete und so gewissermaſsen einen Commentar zu den Publikationen der bezeichneten Denkmäler gab.
Die in gedrängter Kürze gemachten Bemerkungen über die Diptychen orientieren recht gut über das Wesen und die Bedeutung dieser Aufzeichnungen, die eigentlich rein kirchlicher Natur waren, indem sie ursprünglich dazu dienten, den Christen ihre Brüder zum Einschluſs ins Gebet zu empfehlen; später wurden nur die Namen hoher geistlicher oder weltlicher Würdenträger in die Diptychen aufgenommen.
Was der Verfasser über die Necrologien sagt, läſst uns sowohl ihre ehemals practische Seite als auch ihren Werth als Geschichtsquellen erkennen. Vorzüglich wird hervorgehoben, daſs die Todtenbücher nicht nur vielfache, zum Theil höchst wichtige Personalnotizen über die verzeichneten Personen und deren Geschlechter, sondern zuweilen auch historische Nachrichten anderer Art enthalten. Wie z. B. das Klosterneuburger Todtenbuch über die Leithaschlacht im J. 1146 Mittheilungen gibt.
Auch das historische Interesse der Verbrüderungsbücher findet seine rechte Würdigung. Reichen ja doch dieselben bis in’s neunte Jahrhundert zurück, und die zahlreichen Namen derjenigen, welche in die Confraternitäten aufgenommen wurden, leisten zur Vervollständigung der Genealogien solchen Familien die besten Dienste. Und wer sollte den Nutzen nicht einsehen, der für die Sprachforschung aus der Verzeichnung von vielen tausend Vor- und Zunamen erwächst, die im Laufe der Jahrhunderte so vielfache Wandlungen erfahren!
10) Die Sammlungen des k. k. Münz- und Antiken-Kabinets von Ed. v. Sacken und Friedr. Kenner; mit einer Tafel. Wien, 1866. VII u. 495 Stn. gr. 8.
Die beiden Custoden des Wiener Münz- und Antiken-Kabinets, denen wir schon manche schöne Veröffentlichung über österreichische Alterthümer und Denkmäler verdanken, haben sich ein neues groſses Verdienst durch vorliegendes Werk erworben, indem sie ihr weltberühmtes Museum genau und ausführlich beschrieben. Wir bedauern hier nur eine kurze Andeutung von dem reichhaltigen Buche geben zu können. Zuerst steht als Einleitung eine „Geschichte der Entstehung des Kabinets“, welche bis in die Mitte des 16. Jahrh. hinaufreicht. Dann folgt die Beschreibung des Museums, wobei „die wissenschaftliche Folge der Monumente mit der gegenwärtigen Anordnung vermittelt wurde“. Zuerst stehen „die antiken Skulpturwerke in Stein“, dreihundert Denkmäler der classischen Sculptur; dann 245 inschriftliche Denkmäler von hoher Wichtigkeit für die römische Zeit. Die Verfasser haben die lateinische Paraphrase untergesetzt. Wir erlauben uns einige kleine Bemerkungen: S. 59, Nr. 14 heiſst PATR: patrono, nicht patri, da von libertis die Rede ist. S. 61, Nr. 22 ist Musa cognomen. S. 66, Nr. 84 lese ich Orcitilia. Ist in der Marmortafel Nr. 153, Zeile 3 ein Strichpunkt (;)? ich zweifele. S. 75, Nr. 195 wird LIB mit liberto zu geben sein. S. 91, Nr. 228 wird die Erklärung Betulio, die schon 1855 in der Zeitschrift für die Alterthumswissenschaft gegeben wurde, rich tiger sein, wenn schon die Verf. bei der frühern Deutung Betulo verblieben. S. 93 ist Valenti als Dativ zu nehmen, wie die folgenden Worte zeigen. Bei Nr. 239, wo der verstorbene Hefner Cluentius liest, war anzugeben, ob der Punkt, den die Verfasser zwischen C. L setzen, auf dem Stein steht u. s. w. Hierauf folgen die „Inschriften auf Bronzetafeln“, dann „Kararische Monumente“: griechische, römische, barbarische Thongefässe in groſser Zahl, mit genauer Beschreibung der Bildwerke, nur wenige mit Töpfernamen (welche meist bei Frochner fehlen). Geringer ist die Anzahl der „Bildwerke aus Terracotta“: Reliefs, Büsten, Figuren, Thonlampen, ebenfalls mit nur wenigen Namen (wie vorhin). Die Sammlung antiker Bronze nimmt unter den Museen in Europa eine hervorragende Stellung ein; auf die Beschreibung, welche die Verfasser hier geben, machen wir die Kunstfreunde aufmerksam, ebenso auf die weiter folgenden „toreutischen Arbeiten in Gold und Silber, classischer und barbarischer Technik“. „Von der Münzsammlung konnte bei ihrer auſserordentlichen Reichhaltigkeit nur eine berichtliche Uebersicht der ganzen und eine eingehende Besprechung der als Repräsentanten zur Schau ausgelegten Exemplare gegeben werden.“ Der griechischen Münzen sind 26,926 Stück, darunter 507 in Gold, 9381 in Silber, römische 34,875, darunter 2689 in Gold, 15,520 in Silber, der mittleren und neueren 40,249, davon 6013 in Gold, 25,780 in Silber; 512 kleine Medaillen in Gold, 2431 in Silber, neuere Thaler und Gulden 10,230 Stück, Medaillen in Gold 2526, in Silber 8084, endlich 4144 orientalische (davon 544 in Gold, 1583 in Silber) und zuletzt noch falsche Münzen 3780 Stück. Weiter wird die Sammlung „antiker geschnittener Steine“ von keiner andern übertroffen: hier sind die gröſsten Cameen, die man kennt, kostbare Werke, mit vollendeter Kunst, keine ohne Werth, wie die schöne und klare Beschreibung zeigt, kostbare Glassachen. Dann noch „Kunstwerke der Renaissance-Periode und der Neuzeit“, viele davon Nachbildungen antiker Denkmäler, namentlich geschnittener Steine, Porträts aus alter und neuer Zeit; wenige kirchliche Darstellungen. Endlich im Anhang einige asiatische, meist indische Gegenstände. Beigegeben ist ein Verzeichniſs der Fundorte. Die Tafel enthält fremdartige Schriftzeichen. Dies der Inhalt des verdienstvollen Werkes; wir wünschen, daſs über alle Museen eine so schöne, genaue und lehrreiche Beschreibung verfaſst werde, wie die beiden Wiener Gelehrten zu ihrer Ehre und zu unserm Dank hier uns vorlegten.
K.
Aufsätze in Zeitschriften.
Ausland: Nr. 11. Nilssons Erwiederung auf Prof. Worsaaes Bedenken gegen seine Ansicht über das Bronzealter. — Nr. 13. Ueber das Alter der Hufeisen. (Chamb. Journ.)
Biene: Nr. 9. Essen und Trinken im deutschen Sprichworte. (J. H. Schwicker.) — Der Jungfernsprung. Sage aus dem Kuhländchen. (Johann von Hradisch.)