Die Ausgabe der Sprichwörter Agricola’s v. J. 1548.

Unter diesem Titel hat J. Franck, ein vorbedeutungsvoller, schöner Name für einen Sammler deutscher Sprichwörter, in dieser Zeitschrift, 1865, Sp. 388 ff., überaus schätzbare Mittheilungen über Agricola’s Sprichwörter veröffentlicht, deren thatsächlicher Inhalt eines aufrichtigen Dankes gewiſs ist. Nur geht der Verfasser von der irrthümlichen Voraussetzung aus, daſs er zuerst einer herrschenden Meinung gegenüber den wahren Charakter jener späteren Sammlung dargethan, und kommt andererseits, was noch bedenklicher ist, auf Grund unzureichender oder miſsverstandener Angaben zu der sicher falschen Schluſsfolgerung, es müſsten zwei Ausgaben der 500 Sprichwörter Agricola’s vom Jahre 1548 nebeneinander existieren.

Der Berichtigung dieser beiden Irrthümer bestimmen wir die nachfolgenden Zeilen und verbinden damit zugleich die Beseitigung einer oder der anderen kleinen Ungenauigkeit in dem gedachten Artikel. Wir hoffen damit dem geehrten Verfasser selbst und der gemeinsamen Sache einen Dienst zu thun; ihm also zunächst sei das Nachstehende zur vorurtheilslosen und strengen Prüfung anheimgegeben.

I. Es ist keineswegs „bis jetzt allgemein angenommen, daſs die 500 Sprichwörter Agricola’s eine nur verkürzte Ausgabe, eine epitome der früheren“ von 750 (749) sei. Ebensowenig ist zu beweisen, daſs die bisherigen Paroemiographen die fragliche Ausgabe „nicht selbst gesehen haben.“

Ich vermag blos unter unseren Zeitgenossen — denn der Lebende hat Recht — bereits drei namhaft zu machen, die auf Grund autoptischer Kenntniſs von der fraglichen Ausgabe, wenigstens im Vorbeigehen, gehandelt haben: Zacher, C. Schulze und, den ich als dritten, wo es sich um Thatsachen handelt, unbedenklich hinzufügen darf, ich selber.

Zacher hat die Ausgabe mit Nr. 17 bezeichnet, d. h., wie aus der Vorrede seines Werkes ersichtlich ist, er hat die Ausgabe in der Meusebach’schen Bibliothek vorgefunden und nach Autopsie beschrieben.

C. Schulze bezeichnet die Ausgabe in einer Uebersicht sämmtlicher Ausgaben von A’s Sprichwörtern als den dritten Theil dieser seiner schriftstellerischen Thätigkeit (Herrig’s Archiv, 1862, S. 154) und rechtfertigt diese Bezeichnung gegen einen übereilten Angriff von meiner Seite, ebend. 1863, S. 115.

Ich selber habe in der gedachten Zeitschrift, 1862, S. 475, und in meiner Schrift über Agricola’s Sprichwörter (Schwerin, 1862), S. 53, mit wenigen Worten, aber für meinen damaligen Zweck ausreichend, von diesem Werk A’s. gesprochen.

Franck hat demnach nicht das Recht, von einem allgemeinen Irrthum zu reden, während er allerdings mehr wie jeder andere dazu beigetragen hat, den wahren Charakter dieser späteren Sammlung in’s Licht zu stellen. Die Schätzbarkeit dieser seiner Mittheilungen ist aber gerade der Grund, weshalb wir auch leichtere Versehen berücksichtigen.

II. Sp. 390 das Sprichw. von S. Rochus, Nr. 168, steht Bl. 74a; Spalte 391, Spr. Nr. 290 und 301, stehen Bl. 135a und 138b. An der ersten Stelle hat allerdings auch die Ausg. von 1548 den Druckfehler 235; während doch der ganze Text nur 188 gezeichnete Blätter enthält. Die Ueberschrift „von Halb Rittern, vnnd geflicktem Adel“ geht nicht auf Spr. 393–411, sondern blos auf Nr. 393, die aus dem Renner entlehnte Fabel von dem Maulthier, das sein Geschlecht verleugnet; die nächsten Sprüche schon haben mit der echten oder vermeinten Geschlechtsehre nichts mehr zu schaffen. Im Uebrigen füge man diese unsere Stelle zu den von K. Janicke gegebenen Nachweisungen hinzu; s. seinen Artikel: Die Fabeln und Erzählungen im Renner des Hugo von Trimberg, in Herrig’s. Archiv, 1862, S. 162.