Nürnberg, 15. September 1866.
In der Chronik des vorigen Monats hatten wir Gelegenheit, der thätigen Förderung Sr. königl. Hoheit des Groſsherzogs Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin Erwähnung zu thun, und unsere heutige Chronik haben wir abermals mit der Nachricht zu eröffnen, daſs Se. kgl. Hoheit, um Höchstsein Interesse an unserer Anstalt zu bezeugen, bei seiner Rückkunft von einem Ausfluge in die Heimat dem Museum werthvolle Geschenke persönlich mitgebracht hat, die unten, bei den neuen Zugängen der Bibliothek und Kunstsammlung sich verzeichnet finden.
Der Krieg hat nun allenthalben ein Ende gefunden, und wir dürfen uns wol der frohen Hoffnung hingeben, daſs der Friede ein dauernder sei. Nachdem die politischen Bande gesprengt sind, welche die Glieder des alten deutschen Reiches bisher noch zusammenhielten, hat das germanische Museum eine erhöhte nationale Bedeutung erhalten: nach Vertheilung des Bundeseigenthums ist es das einzige Eigenthum des gesammten deutschen Volkes.
Es ist aber auch ein geistiges Einheitsband, das Alle freiwillig und selbsthätig um sich geknüpft haben; es ist ein Institut deutscher Wissenschaft, ein Band, das durch keine äuſsere Gewalt gesprengt werden kann.
Mögen darum Alle sich fest und enge an dasselbe anschlieſsen. Mögen insbesondere die jetzt politisch ganz von Deutschland getrennten Stämme daran festhalten. Der I. Vorstand kann es sich in dieser Rücksicht nicht versagen, eine Stelle eines aus Oesterreich an ihn gelangten Briefes hervorzuheben, worin ein alter Freund des Museums sein treues Festhalten an demselben versichert, indem er sagt: „Die Kultur Oesterreichs ist wesentlich eine deutsche Kultur. Diese gilt es weiter zu entwickeln; und wenn wir auch politisch aus Deutschland geschieden sind, so müssen wir jedes Band um so fester halten, das uns geistig in Wissenschaft und Kunst an Deutschland fesselt. Eine Isolierung auf dem Gebiete der Wissenschaft bedeutete das Ende der deutschen Kultur und damit das Ende der Kultur in Oesterreich überhaupt.“
Wir freuen uns solcher Gesinnung, die recht bald für das Museum ihre Früchte bringen muſs, und wünschen, daſs jetzt allenthalben der Sinn für dies nationale Band sich recht lebhaft entwickeln möge; denn jetzt gilt es, manche Wunde zu heilen, die der Krieg dem Institute geschlagen. Man sorgt allenthalben für Kriegsbeschädigte und Verwundete; mögen Patrioten auch für das kriegsbeschädigte Nationalinstitut eintreten!
Möge der Patriotismus, der nun kein anderes greifbares Objekt mehr hat, desto eifriger sich unserer Sache annehmen! Das Museum pflegt die Geschichte des deutschen Volkes und der deutschen Kultur. Nur der Blick in die Geschichte, der Blick in die Vergangenheit kann Vieles erklären, was scheinbar befremdend in der Gegenwart sich kundgibt; nur er kann uns lehren, wirksam an der Gestaltung der Zukunft mitzuarbeiten.
Möge die deutsche Tagespresse insbesondere jetzt nach Kräften dahin wirken, daſs Zweck und Bedeutung des germanischen Museums dem Volke stets mehr und mehr nahe gelegt werden.
Unser Gelehrtenauschuſs hat durch den Tod des geh. Hofrathes und Professors Dr. L. A. Warnkönig zu Stuttgart, sowie des kais. russ. Staatsrathes und Professors Dr. F. K. H. Kruse in Leipzig zwei langjährige Mitglieder verloren.
Unter den Förderungen, die das Museum in jüngster Zeit erfahren, steht die Deponierung eines prachtvollen geschnitzten Altarschreines obenan, der künftig die Stelle des Hochaltars in der zur Kunsthalle eingerichteten Karthäuserkirche einnehmen soll. Derselbe, Eigenthum der protestantischen Kirche zu Hersbruck, gehört zu den schönsten und kostbarsten Schnitzwerken des Mittelalters und wird daher in diesen Blättern noch eine eingehendere Besprechung erfahren.