Wissenschaftliche Mittheilungen.

Der ursprüngliche Entwurf zum St. Sebaldusgrabmal in Nürnberg.

Der von Heideloff in seiner Ornamentik (VI, 3; IX, 5. 6; X, 2–4) theilweise abgebildete erste Entwurf zu dem später von Peter Vischer ausgeführten Grabdenkmale des St. Sebaldus in der diesem Heiligen gewidmeten Kirche zu Nürnberg, der zur Zeit seiner Veröffentlichung Anlaß zu lang fortgesetzter Polemik gab, dann verschwand, ohne daß er von einem kritischen Auge wäre in nähere Untersuchung gezogen worden, und bereits als verloren oder niemals vorhanden angenommen wurde, ist plötzlich wieder aufgetaucht und in den Besitz der Tochter des verstorbenen Professors zurückgelangt. — Als Thatsache ist dadurch festgestellt, daß eine alte Zeichnung von 1488 und ein erster Entwurf des Sebaldusgrabes vorliegt, als dessen Verfertiger durch das beigefügte Monogramm ein Anderer als Peter Vischer angegeben wird.

Im Allgemeinen ist der Plan aus der Mittheilung im genannten Werke bekannt, doch nur im Allgemeinen. Der Kupferstecher, welcher ersichtlich mit der Absicht umgegangen ist, sein Original zu verbessern, hat dasselbe doch in keiner Weise erreicht. Die Zeichnung ist in der Wiedergabe durchaus abgeschwächt und flau behandelt. Dabei hat man sich die größten Willkürlichkeiten erlaubt, weggelassen und zugefügt, detailiert und verallgemeinert, wo es keineswegs erlaubt war. — Das Original ist aus mehreren Pergamentblättern zusammengesetzt, die nach oben hin sich verjüngen, 5′ 3″ hoch und unten 1′ 5″ breit. Der Aufriß ist für den architektonischen Theil nur in Umrissen, mit feinen, außerordentlich präcis gezogenen Linien gegeben; die Figuren, mit weit weniger sicherer Hand umzogen, sind ohne Rücksicht auf die plastische Gestaltung, an einer Seite mit einer schwachen Strichlage bedeckt. In den oberen Stockwerken ist ihr Vorhandensein nur durch Anbringung von Tragsteinen angedeutet. Was die „Ornamentik“ davon an diesen Stellen gibt, ist rein erfunden, wie man überhaupt aus ihr sich von dem figürlichen Theile dieser merkwürdigen Zeichnung keinen Begriff machen kann. Im Allgemeinen ist zu sagen, daß die Figuren, sämmtlich von markiger, gedrungener Gestalt, in Haltung und Geberde wie in ihrer Gruppierung unter den beschränkten Horizont fallen, der die fränkische Kunst gegen Ausgang des 15. Jahrhunderts überhaupt charakterisiert. Ihre getreue Wiedergabe war übrigens schwierig, da die Zeichnung im Orginal, wie gesagt, sehr unsicher und vielfach verwischt ist. Bemerkt sei hier noch, daß das von Heideloff nicht abgebildete linke Feld am Unterbau des Sarkophages die Begegnung des heil. Sebald auf seiner Pilgerschaft mit den h. Willibald und Wunibald darstellt.

Daß man bereits im Jahre 1488 in Nürnberg daran dachte, dem Patron der einen Stadtseite ein hervorragendes Denkmal zu setzen, ist durch die vorliegende Zeichnung außer Zweifel gestellt. Es fragt sich, wem man anfänglich die Arbeit übertrug und wer der Verfertiger des ersten Entwurfes ist. Er hat sich durch sein Zeichen angegeben. Doch ist dieses in der Ornamentik ebenfalls nicht richtig nachgebildet und hat folgende Gestalt:. Mit dem bekannten Monogramme des Veit Stoß, welchem Heideloff die Arbeit zuschreibt, hat dasselbe keine Aehnlichkeit und kann deshalb von diesem weiter keine Rede sein. Für die Erklärung des wirklich in Frage stehenden Zeichens sind sehr geringe Anhaltspunkte gegeben. Auf dem Johanniskirchhofe bei Nürnberg kommt unter Nr. 991 dasselbe als Hausmarke, von einer Sichel gekreuzt, vor (s. Anz. f. K. d. d. V., 1863, Sp. 249). Der Grabstein gehörte einem Kunrat Schnel, der 1538 dort bestattet wurde. Einen Hanns Schnell von 1499 führt J. Baader in seinen Beiträgen zur Kunstgeschichte Nürnbergs auf, doch unter den Malern. Aber unser Plan rührt wahrscheinlich von einem Baumeister her, und das darauf befindliche Monogramm ist als Steinmetzzeichen anzusehen. Der große Unterschied, der im Entwurfe zwischen der Zeichnung des architektonischen und des figürlichen Theiles zu Gunsten des ersteren stattfindet, rechtfertigt diese Annahme. Ohne Zweifel hegte man anfänglich die Absicht, das Werk in Stein herstellen zu lassen, wie später das berühmte Sakramenthaus in der Lorenzkirche von A. Kraft, mit dessen Ausführung der vorliegende Plan auch einige Aehnlichkeit hat.

Ein Wort erübrigt noch über den Antheil und das Verdienst, welche Peter Vischer an der späteren Gestaltung des Denkmals hatte, die man bekanntlich viel zu tief herunterzusetzen bemüht gewesen ist. Daß derselbe den ersten Entwurf gekannt und benutzt habe, kann nicht bestritten werden. Die ganze Anordnung, den mit Reliefs verzierten Unterbau des Sarkophags, den Baldachin mit Anordnung der Apostelfiguren u. s. w. hat er — wahrscheinlich als Bedingung des Auftrags — beibehalten. Sogar für Anbringung der abenteuerlichen Thier- und komischen Kinderfiguren war in jenem Aufriß die erste Anregung gegeben. Aber alle Durchführung des Einzelnen und die überaus reiche Erweiterung des Planes in seinen ornamentalen Teilen gehören ohne Zweifel ihm und begründen seinen wohlverdienten Ruhm. — Es wird sich schwerlich mehr feststellen lassen, ob Vischer in den vorgenommenen Aenderungen, namentlich in der Abstumpfung des Ueberbaues und der Vertauschung des gothischen gegen den italienischen Stil, ganz eigenmächtig verfuhr, oder ob dieselben nicht auch schon von seinen Auftraggebern beliebt worden. Vielleicht kamen auch diese auf den Gedanken, daß ein großer steinerner Bau fast im Mittelpunkte der Kirche, so nahe vor dem Chor störend wirken müsse. War die Nothwendigkeit aber einmal gegeben, das Monument einzuschränken, so entledigte sich Vischer seiner Aufgabe sehr sinnreich und gewiß in besserer Weise, als Veit Stoß in dem ganz ähnlichen Vorwurf beim Grabmale des Königs Casimir zu Krakau. — Die Apostelfiguren, die Scenen aus dem Leben des Heiligen hat Vischer ebenfalls von dem ersten Entwurf entlehnt; aber in welch ganz anderem Geiste sind sie behandelt! Der spießbürgerliche Sinn, der dort in allen Stücken der Zeit und dem Orte Rechnung trägt, geht hier als echte, durchgebildete Künstlerschaft hervor, die in Schöpfung der bedeutendsten plastischen Arbeit ihrer Epoche gradezu ein Jahrhundert überspringt und die deutsche Kunst fast ohne Vermittlung auf den Höhepunkt stellt, den sie im Allgemeinen erreicht haben würde, wenn es ihr vergönnt gewesen wäre, sich unverkümmert aus dem 14. Jahrhundert weiterzuentwickeln. Der Vorwurf, den man den Figuren Vischers wegen ihres italienischen Charakters gemacht hat, fällt durchaus auf das mangelnde tiefere Verständniß der Urtheilgeber zurück, die in der Verzerrung den Charakter, im Mangel die Eigenthümlichkeit erblicken, vom Wesen aber keine Einsicht haben. Daß Italien, namentlich Venedig — um diesen Punkt mit einem Satze weiter zu führen — von Vischer gekannt war, daß er Eindrücke von daher empfieng, kann wol kaum bezweifelt werden. Aber dieser Einfluß gieng nicht weiter als bei Dürer: er öffnete dem Künstler die Augen, erweiterte seinen Horizont. Doch dieser hatte aus seinen eigenen geistigen Mitteln jenem ein viel zu bedeutendes Gewicht entgegenzusetzen, als daß er sich hätte zur Manier fortziehen lassen. Die Figuren Vischers sind so frei von italienischer, wie von damaliger deutscher Manier, in ihrem Wesen aber so echt germanisch, daß wir bei vollständiger Würdigung nicht umhin können, sie zur Charakterisierung unserer Nationalität als Beleg mit heranzuziehen.

Dr. A. von Eye.

Schleifung des Schlosses Neuhaus an der Eger.

Kämpfe gegen übermüthige Raubnester bilden die gewöhnlichen Episoden der Städtegeschichten im Mittelalter, und man ist daran so sehr gewöhnt, daß man dergleichen gern zu überschlagen pflegt. Gleichwohl scheint mir die nachstehende Fehde, welche die Stadt Eger mit den Forstern auf Neuhaus zu bestehen hatte, einiger Beachtung werth, weil da Umstände hinzutreten, die einen interessanten Ausblick auf die verworrenen Verhältnisse des ausgehenden Mittelalters gewähren und zugleich die letzten Regierungsjahre König Wenzels, sowie auch die Politik des Burggrafen Johann von Nürnberg in ganz eigenthümlicher Weise kennzeichnen.

I.