Ein unbekanntes Werk Sebastian Franck’s.
Ein Beitrag oder Zusatz zur Geschichte seines Lebens und Wirkens.
Die Schrift, die ich mit voller Ueberzeugung S. Franck zuzusprechen wage und in ihrer eigenthümlichen Bedeutung als ein Produkt seines Geistes zu erweisen hoffe, ist keine andere, als die sogen. erste Egenolffische Sprichwörter-Sammlung vom Jahre 1532. Dieselbe kann bis zur Stunde fast als unbekannt gelten. Wenigstens findet sich meines Wissens an keiner Stelle eine eingehendere oder ausführlichere Mittheilung, als die dürftige Notiz, die ich selbst gelegentlich in meiner Schrift über Agricola’s Sprichwörter (Schwerin, 1862), S. 76, gegeben habe. Nicht wesentlich mehr bietet eine neuere Bemerkung im Serapeum 1866, S. 332, insofern sie ohne nähere Begründung nur mittheilt, daß diese Sammlung von 1532 in durchaus keiner Beziehung zu den späteren, umfangreicheren Drucken Egenolff’s von 1548 ff. stehe, daß sie sogar neben vielfachen, selbst principiellen Abweichungen eine ganze Anzahl selbständiger, theilweise sonst unbezeugter Sprichwörter enthalte.
Gerade der Wunsch aber, dieses selbständige Material unmittelbar und vollständig für das wissenschaftliche Bedürfniß der Gegenwart auszubeuten, insbesondere auch, soweit es etwa in den Erläuterungen der Sprichwörter sich verbergen sollte, veranlaßte mich, die wohlwollende Vermittlung eines durch wissenschaftliche Liberalität mir bewährten Mannes, J. Franck’s in Annweiler, nachzusuchen, ob ich vielleicht das ehe mals der Landshuter Universitäts-Bibliothek gehörige Exemplar einsehen und benutzen dürfte.
Seiner keine Mühe scheuenden Fürbitte und der Güte des Münchener Bibliothek-Vorstandes, Dr. Halm, verdanke ich es in der That, daß ich das aus Landshut nach München übergesiedelte Kleinod zu Gesicht und Händen empfangen konnte.
Da ich nun bereits seit Jahren eine vollständige Abschrift sämmtlicher, mit dem Titel zu reden, 650 Sprichwörter des Werkes nach dem Exemplar der königl. Bibliothek zu Hannover besaß: so war der proverbielle Gewinn aus dem Texte und seinen Erläuterungen bald genug gehoben.
Aber für diese im Grunde mechanische Thätigkeit und die so gewonnene handwerksmäßige Ausbeute würde ich den Raum dieser Blätter kaum beanspruchen; lieber lege ich hier die schon oben angekündigte Entdeckung nieder, daß
Sebastian Franck aus äußeren wie inneren Gründen als Veranstalter dieser Sammlung heraustritt.
Ich beginne mit dem Aeußerlichsten.
Die Sammlung ist ihrem wesentlichen Theile, etwa sechs Siebenteln ihres Inhaltes nach nichts weiter als ein Auszug aus Agricola’s 750 Sprichwörtern. Der Text ist fast überall und, soweit eine Erklärung beigegeben ist, auch diese großentheils wörtlich aus Agricola entnommen; eine Entlehnung, die der Sammler am Schluß seiner Vorrede unbefangen mit den Worten einräumt: