Das Email der zweiten Periode, Email champlevé, war gleichfalls in einer großen Reihe prachtvoller Stücke vorhanden. Hierher hätte vor allem auch eine Reihe jener Exemplare gehört, an denen das Email champlevé mit dem cloisonné, d. h. Zellen- und Flächenemail, wechselt. Die Braunschweiger Schätze, jetzt zum größten Theil im Besitze des Königs von Hannover, würden hierher gepaßt haben. Die Mehrzahl der Erzeugnisse jener zweiten Periode, die vom 11. bis 13. Jahrh. geht, hat anderwärts viel Gleichartiges. Es sind nicht mehr kostbare Einzelstücke; an den Reliquienkästchen, an den Tragaltären und Kreuzen ist zu sehen, daß wir es hier mit handwerklichen Produkten zu thun haben, die in Massen, theilweise ohne vorherige Bestimmung gefertigt, in den Handel gebracht wurden. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, daß auch diese zweite Periode einzelne, für bestimmte Zwecke und auf besondere Bestellung gefertigte große Prachtstücke, denen man viele Sorgfalt widmete, hervorgebracht hat. So zeigte ein gleichfalls ausgestellter Altaraufsatz aus St. Castor in Coblenz, jetzt in St. Denis bei Paris, daß auch besonders edle Werke hier nicht fehlten; derselbe ist ein Prachtstück, dem ähnliche in Aachen, Cöln und anderwärts würdig zur Seite stehen. Wie hoch sich in Deutschland die Emailkunst in jener zweiten Periode gehoben, bewei sen ferner die unter den Gegenständen kleinerer Dimension vorkommenden beiden, der Limburger Tafel nachgebildeten Stücke. Doch hat hier das Email eine andere Rolle. Es tritt in Verbindung mit der getriebenen Arbeit, mit Filigran und Steinen. Wenn auch schon das byzantinische Reliquiar des 10. Jahrh. solche Verbindung aufweist, so dominiert doch dort das Email, während es hier mehr zurückgedrängt ist. Die Farbenstimmung ist durch die fast ausschließliche Verwendung opaker Farben nicht jene glänzende; die Zeichnung zwar eine andere, jedoch gleichfalls eine solche von hoher Vollendung. An diesen Vorzügen participieren diejenigen Werke freilich nur zu geringem Theil, welche, für den Markt bestimmt, in Masse mit mehr oder minder großer Sorgfalt, größtentheils in weniger edlen Metallen gefertigt wurden. Während das Email der ersten Periode sich in Gold eingeschmolzen findet, war in der zweiten bei glänzenden Stücken das Silber, für die geringeren aber das Kupfer das Material. Neben den deutschen Erzeugnissen tritt nun vorzugsweise auch Frankreich als Rivale auf, und die in Limoges gefertigten Arbeiten zeigen nicht nur mit den deutschen die vollste Verwandtschaft, sie sind, weil eben fast ausschließlich für den Handel hergestellt, mit größerer Handwerksmäßigkeit und weit geringerer Feinheit gearbeitet; und da diese Technik sehr lange alte Formen beibehielt, die wieder und wieder reproduciert wurden, so geht das Handwerksmäßige oft bis zur Rohheit, die, in Verbindung mit etwas alterthümlichen Formen, den Sachen ein sehr altes Aussehen gibt, dem dann aber wieder andere Kennzeichen der späteren Zeit widersprechen. Die Mehrzahl der ausgestellten Gegenstände war deutsch und gehörte dem 12. Jahrhunderte an, andere dein 13.; unter den Limousinern gieng ein emailliertes Kreuz, Beschlag eines Reliquienkastens, wol bis in den Schluß des 14. Jahrhunderts. Von eigentlich gothischen Emailwerken war wenig vorhanden; doch zeigte das vorzugsweise nach anderer Seite hin interessante Schaugefäß aus Osnabrück das einfach opake blaue und rothe Email, wie es in den Goldschmiedarbeiten des 14. Jahrh. häufig ist, während ein dem 14. Jahrh. angehörender Kelch mit Patene, aus dem Besitze des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen, die Wiederaufnahme des durchsichtigen Emails, jedoch in ganz anderer Weise, als es die älteren deutschen Arbeiten haben, erblicken ließ. Hier ist nämlich das Email nicht mehr in Zellen eingeschlossen, sondern über flach modellierte und gravierte Medaillons übergelegt und oben aufgeschmolzen, so zwar, daß die einzelnen verschiedenen Farben nicht mehr durch Metallzwischenräume getrennt sind.
Die letzte Periode war durch einige Limousiner Arbeiten des 16. Jahrh. vertreten. Hier ist mit einer Auswahl von nur wenigen Farben förmlich über die Kupferunterlage gemalt und diese Gemälde sind sodann im Feuer zum Schmelzen gebracht. Man nennt alle diese in Schwarz, Grau, Blauviolett, Fleischfarb und Weiß, etwas Grün und aufgetragenem Gold gemalten Schmelzbilder Limousin, weil der Hauptsitz dieser Kunst in Limoges zu suchen ist, während in Frankreich ganz gewiß auch anderwärts ähnliche Werke gemalt wurden.
Nürnberg.
A. Essenwein.
(Schluß folgt.)
Zur Geschichte der Baukunst im Ordenslande Preußen.
H. Otte hat S. 592 der vierten Auflage seiner vortrefflichen kirchlichen Kunst-Archäologie eine kurze Charakteristik der mittelalterlichen Baukunst im Ordenslande Preußen gegeben, welche jedoch einiger Berichtigungen bedarf. Sei es mir gestattet, an dieselbe einige Bemerkungen zu knüpfen, welche das Resultat jahrelangen, liebevollen und eingehenden Studiums der Geschichte der Baukunst im Ordenslande Preußen (soweit die Denkmale derselben mir zugänglich waren) sind.
1) Die Kirchen in Preußen haben keineswegs „regelmäßig“ Schiffe von gleicher Höhe. Aus älterer Zeit (14. Jahrh.) finden sich öfter Basiliken, wie das im Correspondenz-Blatt der deutschen Geschichts-Vereine 1865, S. 32, Note 2 von mir gegebene Verzeichniß beweiset. Außerdem haben die Kathedralen zu Marienwerder und zu Königsberg ein höheres Mittelschiff, freilich ohne Oberlicht. Aehnlich war es, wie ich kürzlich nachgewiesen habe (Jahrbücher für Kunstwissenschaft, Bd. I, S. 134), in der alten Marienkirche zu Danzig, und ähnlich scheint es auch bei den Kirchen St. Katharinen und St. Nicolaus zu Danzig und den Pfarrkirchen zu Putzig und Pestlin beabsichtigt gewesen zu sein. Erst später, seit dem 15. Jahrhundert, werden Hallenkirchen allgemein.
2) Dasselbe gilt in Betreff des geraden Chorschlusses. Der polygone Chorschluß findet sich bei den Kirchen des 14. Jahrhunderts mindestens eben so häufig als der gerade, wie ein von mir angelegtes vergleichendes Verzeichniß aller aus eigener Anschauung oder Abbildung mir bekannten Kirchen im Ordenslande Preußen zeigt. Es war in den verschiedenen Gegenden verschieden. Fast alle älteren Kirchen im Umkreise von Marienburg z. B. haben einen polygonen Chor. Sogar bei der Schloßkirche zu Marienburg findet er sich, wo man doch vorzugsweise Ursache gehabt hätte (vergl. die treffende Bemerkung in C. Schnaase’s Gesch. d. bildenden Künste VI, 352), den geraden Abschluß zu wählen. Seit dem 15. Jahrhundert aber kommt der letztere, mit den reich ausgebildeten Ostgiebeln, auch bei Pfarr- und Klosterkirchen allgemein in Gebrauch; doch nicht ausschließlich, denn z. B. die aus dem Ende des 15. Jahrh. stammende Kirche zu Stuhm ist polygon geschlossen. Da aber der größeste Theil (Heilig-Leichnam hat einen polygonen Chor) der Kirchen Danzigs (Zusammenstellung der Grundrisse bei J. C. Schultz, Radirungen I, 15) späterer Zeit (dem 15. Jahrh.) angehört und daher geradlinig geschlossen ist und die andern Baudenkmale im Ordenslande Preußen wenig bekannt sind, hat sich die Meinung gebildet, daß der gerade Chorschluß der in Preußen zu allen Zeiten herrschende gewesen sei. Die von Fr. v. Quast auf Taf. XXIII seiner „Denkmale der Baukunst“ gegebene Zusammenstellung von Abbildungen kleinerer Kirchen (aus engem Kreise) mag dazu beigetragen haben, diese Ansicht zu bestätigen.
3) Die Zinnen (wie bei St. Marien zu Danzig) und ein zinnenartiger Aufsatz (wie bei St. Johann zu Danzig) dürften wol nur bei Bauten späterer Zeit (Ende des 15. Jahrh.) als Ornament, und auch nur seltener, vorkommen. Dergleichen waren, wie Fr. v. Quast (Preuß. Prov. Bl. 1851, Bd. XI, S. 20) bereits nachgewiesen, nicht einmal bei den Ordenshäusern in Gebrauch. Man bediente sich zur Vertheidigung vielmehr der bedeckten Wehrgänge.