Ein neuer Beweis dafür, daß die Künstler jener Zeit ohne Rücksicht auf Autorrechte ihre Motive nahmen, wo sie solche in brauchbarer Weise fanden, und daß sie auch aus fremden Elementen hübsche und entsprechende eigene Kompositionen zu fertigen verstanden, sowie, daß insbesondere Dürer eine nie versiegende Quelle war, aus der viele schöpfen konnten, ein Fingerzeig aber auch, in welcher Weise wir heute Elemente wieder verwenden können, die von ihren ersten Erfindern in anderer Weise benützt worden waren, wenn wir eben das Verständniß eines Virgil Solis für dekorative Aufgaben mitbringen.

Nürnberg.

A. Essenwein.

Samuel Karoch.
[220]

Im Jahrg. 1879 des Anzeigers, Sp. 47 habe ich bemerkt, daß auf der Gymn. Bibl. zu Gotha sich noch ein unbekanntes Sendschreiben dieses merkwürdigen Autors befinde. Nachdem ich nun oben, Sp. 185 ff. seine Leipziger Bettelrede mitgetheilt hatte, schien es mir doch rathsam zu sein, auch diesen Beitrag zu seiner Biographie noch heranzuziehen. Der Direktor der herzogl. Sammlungen, Herr Dr. J. Marquardt, übersandte mir freundlichst die Handschrift auf meine Bitte und zugleich auch das Programm des Gymnasiums von 1860, in welchem H. Habich den manchfaltigen Inhalt derselben genau beschrieben hat.

Einen Theil hat der Besitzer selbst geschrieben, der sich auf dem vorderen Deckblatt Johannes Scentgreff nennt; fol. 251: „Finis libri Senece quatuor virtutum. Scriptum per me Jo. Zentgreff a. d. 1463“; fol. 262 v.: „Finis hujus per me J. Z. a. d. 1497.“

Auf fol. 57 steht nach Samuels bekanntem Dialog inter virum, adolescentem et virginem, mit feiner Glossenschrift, aber großer, starker Ueberschrift: „Dictamen Samuelis ex Lichtenburgk australi in quo procedi docet amantes“, die bekannte Barbaralexis bei Zarncke, Univ. S. 84, Hoffmann, In dulci jubilo, n. 39. Neben vielen Fehlern finden sich auch Verbesserungen; so am Schluß der 4. Strophe (wo auch neyder statt eiferer steht): „ich hoff dastu hunc cognoscas ritum.“ ferner 7, 8: „nym sie vor des Keyssers guth.“ — 8, 7 finden wir das für Samuel charakteristische Ast statt ac. — Während nun Habich dieses Stück übergangen hat, erwähnt er das am Ende stehende Sendschreiben, als dessen Uebersetzer sich Samuel nennt. Es sieht sauber und deutlich geschrieben aus; aber bei der Lesung findet man alsbald eine Fülle der unsinnigsten Fehler; der Schreiber scheint kein Wort verstanden zu haben, und einmal läßt er eine Lücke, hat also eine schwer lesbare Vorlage gehabt. Seine Hand ist von der Zentgrefs verschieden. Der Inhalt, die Schilderung der Leiden der fahrenden Schüler, gewährt uns freilich über Samuels Person keine weitere Auskunft, ist aber als Seitenstück zu Th. Platters Selbstbiographie nicht ohne Werth, wenn auch etwas unflätig, wie das von unserm Samuel nicht anders zu erwarten war. Einer philologischen Behandlung aber ist der Text nicht werth; ich habe stillschweigend zahllose Fehler verbessert, wo mir die Emendation gesichert schien, an anderen Stellen freilich mich mit einem sic! begnügen müssen; doch ist der Sinn überall deutlich genug. Zusätze stehen in eckigen Klammern, da die runden vom Autor selbst häufig angewandt werden.

Die mit sehr zierlicher, ganz kleiner Schrift geschriebenen Glossen lehren uns, wie gewöhnlich, wenig; sie fehlen, wo es einer Erklärung dringend bedarf, und sind nur am Anfang zahlreich. Aber sie zeigen uns recht anschaulich, daß auch solche Stücke damals akademisch commentiert wurden, und wie kläglicher Art ein solcher Commentar war. Darum mögen auch sie geduldet werden; ohne Zusammenhang mit dem Text steht gegen das Ende von der Hand des Abschreibers: „Anno 1502 in penthecoste Sueinfordie ceciderunt irundines multe et moriebantur. videbatur circulus circumdans solem.“

Epistola[221] missiva atque petitoria omnes pene scolarium
miserias lucide declarans, de beano fetido ad suum patrem
rusticum, quam Samuel ex Monte rutilo in latinum transformavit.

dem gutichen
Humano viro Petro Cnaner genitori sibi charissimo Joannes
Cnaner S. d.