Ritterspiele.
Zwei Abbildungen vom Jahre 1441.
Derselbe Codex, welcher Konrads von Würzburg trojanischen Krieg enthält, aus dessen Federzeichnungen wir verschiedene Darstellungen wiedergegeben haben, begreift auf Blatt 201 bis 266 als zweites Stück, ebenfalls reich illustriert, den Wilhelm von Orlens des Rudolf von Montfort. Sind die Abbildungen des Trojanerkrieges einem Gebiete entnommen, welches doch der Künstler als ein fremdes betrachten mußte, auf dem wir also neben den Beiträgen zur Geschichte der Tracht und Waffen nur wenige dem wirklichen Leben entnommene Bilder finden, weil er ja nicht jede Scene, die zu seiner Zeit sich ereignete, im Liede angedeutet finden konnte, so bewegt sich alles im zweiten Stücke Darzustellende für den Künstler auf dem Gebiete des damaligen Lebens, und wir können deshalb auch einige Darstellungen daraus entnehmen, die ihres Inhaltes wie der sichern Datierung wegen von besonderer Wichtigkeit sind. Auch hier bewegt sich der Künstler auf dem Gebiete des ritterlichen Lebens, wie im trojanischen Kriege; aber hier weiß jeder von uns, daß er die Helden als seiner eigenen Kultur angehörig betrachtet, daß er hier die Ritter seiner Zeit genau wiedergibt, ohne Zuthaten und ohne Weglassungen, wie wir bei den Illustrationen des ersten Stückes solche fürchten und etwa durch solche Furcht das Vertrauen in die unbedingte Sicherheit seiner Darstellungen verlieren könnten.
Fig. 1.
Es ist deshalb für uns ganz besonders interessant, daß er die Ritterspiele in den Kreis seiner Darstellungen zieht. Es sind an mehreren Stellen Turniere gegeben, und zwar sowohl das Rennen mit dem Stechzeug, als der Kampf mit Kolben.
Fig. 2.
Wir müssen hier, da wir bei den Turnieren die Helmzierden sehen, ein wenig auf die Frage des wirklichen Tragens derselben insoweit eingehen, daß wir davor warnen, aus unsern Bildern Schlüsse zu ziehen. Wo eine größere Zahl von Kämpfenden beisammen ist, fehlt im ernsten Kampfe der Mehrzahl die Helmzier. Nur einzelne tragen sie; dies aber deshalb, um sie als ganz bestimmte Person, etwa als Hektor oder Achilles im trojanischen Kriege, als Wilhelm von Orlens oder A. im zweiten Stücke zu bezeichnen. Es war dies um so nothwendiger, als öfter mehrere Scenen in ein Bild zusammengedrängt sind und demgemäß dieselbe Person mehr als einmal auf demselben Bilde erscheint. Man könnte nun ebenso behaupten, daß die Könige ihre Kronen nie abgelegt haben, weil der Illustrator sie in jeder Situation gekrönt zeichnet. Sie haben auch hier in den Kampfscenen kein Kleinod, wohl aber die Krone auf dem Helme, wie wenn sie nackt im Bette liegen, weil sie eben dadurch als Könige bezeichnet werden. So wenig der König seine Krone thatsächlich im Bette trug, so wenig wol auf dem Helme; so wenig aber trugen wol auch die auf dem Bilde durch das Zeichen bestimmten Ritter beim ernsten Kampf solches thatsächlich auf dem Kopfe.
Dasselbe Verhältniß sehen wir aber auch beim Turniere. InFig. 1 tragen drei der Kämpfenden zu ihrer Bezeichnung als bestimmte Figuren Helmzierden; der König trägt nur die Krone auf dem Helme, die ihn als solchen bezeichnet, inFig. 2 trägt außer dem Könige nur Wilhelm seine Helmzier; die übrigen haben keine.
Die Pferde sind in beiden Figuren gerüstet, was in den Kampfscenen nie der Fall ist, und zwar tragen sie eine den Kopf schützende metallene Stirne, welche auch in eigenen Behältern die Ohren umschließt. Ferner tragen sie vorne geschweifte, polygon angelegte eiserne Schürzen, während über den hintern Theil vom Sattel aus eine Decke herabhängt. Auf dem Sattel ist ein Aufsatz auf Stangen derartig hoch, daß der Ritter gar nicht sitzen kann, sondern im Bügel steht; eine geschweifte Wand an der Vorderseite des Sattels deckt den Ritter bis zur Brust.
Beim RennenFig. 1 sind Schranken nicht zu sehen; beim Kolbenturniere dagegen ist ein Kreis durch solche abgeschlossen und eine Fahne auf den Schranken aufgepflanzt. Außerhalb der Schranken steht der Bote, welchem Wilhelm seinen Brief zeigt, auf Grund desselben Einlaß begehrend. Dem Stil entsprechend, ist er innerhalb, unter den Kämpfenden, noch einmal dargestellt. Wie hätte man, wenn er nicht bestimmt durch Schild und Kleinod, also sein Wappen, charakterisiert wäre, erkennen können, daß er nicht blos in einer, sondern in zwei Figuren dargestellt ist; aber die Ansicht, daß bei Turnieren jeder sein Zimier getragen, muß durch Anblick unserer Bilder schwankend werden, wenn nicht angenommen werden soll, daß der Künstler gerade durch Weglassen der Zimiere zeigen wollte, daß nicht irgend welche bestimmte Ritter, sondern nur eben Ritter im allgemeinen neben den besonders herausgehobenen am Turniere Theil genommen, was freilich sodann auch wieder für die Darstellungen des Ernstkampfes gelten müßte.