Urkundliche Beiträge zur Künstlergeschichte Schlesiens.

V. Neisse.

Das Hauptdenkmal mittelalterlicher Baukunst in dieser alten Bischofsstadt (darum auch das schlesische Rom geheißen) ist die kath. Pfarrkirche zu St. Jacob mit ihrem abseits stehenden hohen Glockenthurme, wovon „Schlesiens Vorzeit“ im Jahrgang 1872 eine Abbildung und im vorangehenden eine Besprechung bringt. Die älteste Anlage ist nicht bekannt[124]; vielleicht war an einer späteren thätig der magister operis Gerardus, welcher 1307 im Neißer Lagerbuch (I, 36) und im Formelbuche des Arnold von Protzan erwähnt wird. Als Meister des bestehenden, in der Hauptmasse dem 15. Jahrh. angehörigen Gebäudes gilt Peter von Frankenstein, über den mir augenblicklich besondere Notizen nicht zu Gebote stehen. Zwölf Gattungen von Steinmetzzeichen an den verschiedenen Portalen lassen sich constatieren.[125] Ueber dem Eingange zum Glockenthurme steht in Minuskeln die Zahl 1474[126]; auch das oberste Stockwerk ist zweimal datiert: auf der Westseite unter dem Wappen des Bischofs Johannes V. MDXV[127], auf der Südseite 1516, wobei der Buchstabe H zwischen zwei Monogrammen angebracht ist. Ueber die Renaissancedenkmäler der Pfarrkirche in der Stadt überhaupt hat sich Lübke, a. a. O. II, 686 ff. verbreitet[128]. Auf der Nordseite der Kirche liegt das sog. Benedictenhaus, über dessen östlichem Eingange ein Mettertienbild[129] nebst dem bischöflichen Wappen, 1513 datiert, in Stein ausgehauen ist; auf der Westseite erblickt man dasselbe Wappen (mit dem halben Löwen und drei Rosen darunter), von zwei Engeln (Renaissancegestalten) getragen, mit der Dedicationsinschrift: IO mit Omega darüber . V . EP mit Omega darüber . VRA mit Omega darüber . DIVE . ANNE . EREXIT . M . D . XIII. Die Baumeister sind vorläufig alle unbekannt. Von älteren Neißer Architekten kennt man noch den Michael Glocz, welchem der Magistrat von Brieg die Anfertigung des Gesperres an der Dominikanerkirche auf dem Sperlingsberge um 55 Mark und 1 „Parchan“ 1410 verdingte. (Stdtb. 1, 122). Um 1570 war in Neiße Meister Benedict Stadtmaurer, dessen Tochter Anna 1578 aus Brieg ausgewiesen wurde. (Urgichtbuch 112 a). Auch ein italienischer Baukünstler Hans Baptista, Italus, Meurer, welcher 1545 in Breslau Bürger wurde, lebte um 1550 in Neiße. Er arbeitete wahrscheinlich mit dem Steinmetzen Hans Bernhard von Verona an dem Schloßbau des Hertwig Seidlitz auf Töppliwoda[130] (Schultz, Wälsche Maurer S. 147). 1671 baute Melchior Werner von Neiße das jetztstehende Gebäude des Klosters Rauden (cf. oben).

Ueber ältere Maler in Neiße[131] sind nur spärliche Notizen zu bringen. Nicolaus Spigeler pictor de Nisa und seine Frau Clara kaufen 1413 3 Mark Zins vom Kloster Heinrichau[132], desgleichen 1417 7 m. und außerdem für sich und nach ihrem Tode für „Meister Hannose moler“ zu Neiße 4½ m. Zins. Der vollständige Name des Letzteren lautet 1413 Johannes Slaup pictor, welcher in diesem Jahre mit seiner Frau Barbara 5 m. vom Kloster kaufte. (Staatsarchiv: Hein richauer Diplomatar D. 185 f. 15 b. 16 a. 20 b.) Von dem „schlesischen Apelles“ Willmann hängen in der Pfarrkirche folgende Bilder: Christus am Kreuz, Sturz der bösen Engel, Martyrium des Bartholomäus. (Knie, a. a. O. 880). — Von Goldschmieden kenne ich Balthasar Guldener, Bürger zu Neiße, welcher 1612 bereits todt war; sein gleichnamiger Sohn, ebenfalls Goldschmied, wurde 1613 in Brieg aufgeboten. (Aufgebotsbuch der Brieger Nicolaikirche.) — Nach derselben Quelle lebte um 1600 in Neiße der Buchdrucker Andreas Reinheckel, dessen Tochter Anna 1613 Stieftochter des kunstreichen Herrn Caspar Siegfried, Buchdruckers zu Brieg, genannt wird[133]. — Glockengießer beschäftigte Neiße ehedem folgende: 1419 gießt Meister Jörge, Kupferschmied, eine Glocke für die Brieger Pfarrkirche und bekommt für den Centner ½ Mark und alle Geräthe außerdem. (Br. Stadtb. I, 122). Für dieselbe Kirche verfertigte 1503 der Gelbgießer Barth. Lindenradt aus Neiße die große Glocke, welche Bischof Johannes Roth von Breslau taufte. (Stdtb. II, 11). Derselbe Meister goß sie fünf Jahre später noch einmal, und sie wurde zwölf Tage nach der Vollendung auf den Thurm gezogen und mit den andern Glocken in ein neues Gestühle durch Meister Leonhard von Romberg aufgehängt. (ebda. 11 b.) Auch einen Seigermeister, Georg Pfuhl, berief man aus Neiße nach Brieg, welcher 1535 die Rathsuhr verfertigte; man hatte ihm dafür 2 alte Uhren und 44 Gulden (à 3 Flor.) gegeben (ebda. 35)[134]. Um 1680 und 1712 gossen für Neiße und nach auswärts Matthias Munse und Heinr. Josef Reichel. (Vorzeit, B. 29, S. 66) — Der sogen. schöne Brunnen auf der Breslauer Straße, eine prächtige Schmiedearbeit, von dem Schlesiens Vorzeit 1870 eine Abbildung bringt, trägt die Inschrift: „Aus Belieben eines löblichen Magistrats machte mich Wilhelm Helleweg, Zeugwarter, anno 1686.“ Doch ist das Wort „machte“ kaum wörtlich zu nehmen, da der Zeugwart nur zu den Unterbeamten des Raths zählte und die Waffen der Stadt zu beaufsichtigen hatte; es dürfte darum jener Name aus Lübke’s Künstlerverzeichniß a. a. O. 983 zu streichen sein.

Es sei zum Schlusse noch gestattet, einige schlesische Künstler, die sich nicht anderweitig hatten unterbringen lassen, aus Angaben der Brieger Kirchenbücher nachzutragen:

1588 stirbt auf dem Pfarrhofe zu Brieg Michael Brisen, Maler, von Pitschen. (Todtenb.) Im Aufgebotsbuche von 1606 werden namhaft gemacht: 1606 weiland Baumeister Thomas Hartsch zu Neustadt o/S.[135]; 1608 der kunstreiche Georg Brückner, Baumeister zu Breslau; 1611 weil. Caspar Springer, Baumeister und Müller (!) zu Prauß bei Strehlen; 1613 weil. Baumeister und Müller Lorenz Orttelbach zu Beuthen a. d. O.; 1619 wird aufgeboten Leonhard Sorge, Maler und Bürger zu Oppeln, Sohn des † Rentmeisters zu Ketzerndorf (Karlsmarkt)[136], mit der Tochter des † fürstl. Hausvogts Sommerfeld zu Brieg; der Künstler siedelte übrigens später nach Brieg über. 1620 starb bei dem Bildhauer Hans Döring zu Brieg der Maurergeselle Elias Marga, von Bunzlau gebürtig. (Todtenb.) — 1594 lebte in Brieg ein Perlhefter (Paramentensticker) Paltzer (Todtb.); seit 1613 wird in den Kirchenregistern mehrfach erwähnt ein Perlhefter Peter Tunckel. 1596 starb Christoph Heinze der Kartenmaler (das.); 1626 wird daselbst aufgeboten der Kartenmacher Zacharias Böhme, dessen † Vater Stenzel B. auch ein solcher gewesen; 1612 arbeiteten in Brieg zwei fremde Steinschneider: Hans Rurock aus Danzig und Tobias Bartsch aus Meißen. (Taufb.) —

Endlich sei bezüglich der italienischen Künstlercolonie in Brieg noch bemerkt, daß sich nachträglich ein wälscher Maurer Gregor Pahr, wol ein Sohn des ausführlich besprochenen Schloßbaumeisters Jacob, gefunden hat als Taufzeuge 1594. In die Leitung der herzoglichen Bauten trat nach dem um 1609 erfolgten Tode des Bernhard Niuron Meister Hans Lucas, „Baumeister zu Hofe“, wahrscheinlich unmittelbar ein; man ist versucht, ihn für einen Nachkommen des Italieners Hans Lugan zu halten.

VI. Sonstige Städte.

Die hier folgenden Zusammenstellungen sind aus zum größten Theil gedruckten Urkunden oder Monographieen geschöpft und behandeln in alphabetischer Reihenfolge diejenigen Städte und Klöster Schlesiens, wo es dem Verfasser nicht möglich gewesen, eingehendere archivalische Studien zu machen. Darum mögen auch Angaben über schlesische Künstler des vorigen Jahrhunderts, in Ermangelung früherer, diesmal nicht ausgeschlossen bleiben.

Falkenberg (Regierungsbez. Oppeln). Das im Renaissancestil aufgeführte und weithin sichtbare Schloß an der Ostseite der Kreisstadt, beschrieben in Schlesiens Vorzeit II, 14, wurde 1589–92 unter Balthasar Pückler von Groditz, Besitzer der Herrschaft seit 1581, von den Maurermeistern Jakob Westphal und Hans Czerr aus Jägerndorf erbaut, resp. um einen Stock erneuert, für welchen Bau ihnen gegeben wurde „an Geld 775 Symbol: Reichstaler , Korn 2 Malter, Gerste 2 Schffl., Erbsen, Hirse, Haidekorn je 1 Schffl., Butter 4 Tönnchen, Rinderkäse oder Quärge 50 Schock, Kühe 1 Stück, Schafe 12 St., Fleisch 3 Seiten, Karpfen 3 Schock, Salz ½ Schffl., Bier 8 Achtel, Tischbier 30 Achtel.“ — Der betreffende Contract ist abgedruckt in Schlesiens Vorzeit, 31. Bericht, S. 104–105[137] ).