Berlin.
W. Wattenbach.
Der Sigmaringer Brettstein.
Die Betrachtung der Kunstwerke des Mittelalters hat noch lange nicht alles erklärt, was vielleicht sogar bequem zu erklären wäre, wenn man die Behelfe von den Schwestergebieten holte. Dies gilt insbesondere bezüglich des Inhaltes von Darstellungen aus profanem Gebiete. Jene aus dem kirchlichen Gebiete sind größtentheils aus der theologischen Literatur des Mittelalters erklärt worden. Wenn nun bezüglich mancher aus der Legende entnommenen Darstellungen Schwierigkeiten noch obwalten, insbesondere, wo solche Darstellungen, aus dem Cyklus herausgerissen, vereinzelt uns entgegentreten, so sind außerordentlich viele bekannte Kunstwerke noch nicht ihrem Inhalte nach festgestellt, der aus der poetischen Literatur des Mittelalters so leicht zu bestimmen wäre, daß der Erklärer fürchten müßte, den Literaturfreunden Allzubekanntes zu bieten, wenn nicht auch ihnen meist entgangen wäre, daß diese oder jene Stelle durch die Darstellung ganz bekannter Kunstwerke erläutert wird. Auch hier kann bezüglich einer einzelnen Scene kaum ein Zweifel entstehen, wo eine ganze Serie vorhanden ist, von der Bild auf Bild die verschiedenen Stellen eines Romanes erklärt; schwieriger aber wird die Sache, wo eine vereinzelte Darstellung übrig geblieben, zu der die ganze Serie fehlt, so daß es zweifelhaft ist, wo das Bild einzureihen sei.
In der Sammlung Hohenzollern-Sigmaringen befindet sich ein von J. H. von Hefner-Alteneck publiciertes (7. Lieferung, Taf. 38 D), merkwürdiges kleines Sculpturwerk, das aus stilistischen Gründen von dem genannten Herausgeber jener Sammlung dem 11. Jahrh. vindiciert wird. Es ist ein Brettstein von Hirschhorn, dessen Mitte ein feines Relief einnimmt. Dasselbe zeigt 4 Personen in einem Meerschiffe mit geschwelltem Segel. Während der den Mastbaum mit der Rechten erfassende kurzbartige Steuermann gereifteren Alters erscheint, trägt sein Gegenüber ganz jugendliche Züge, die auch den übrigen zwei Personen eigen sind. Das nach rückwärts des sich mit seiner Breitseite präsentierenden Schiffes vom Winde aufgeblasene Segel bildet die Rückwand oder den Hintergrund der Scene. Rechts und links vom Maste mit den herabhängenden Strick-Enden, zwischen dem Steuermann und der ihm gegenübersitzenden Gestalt, lassen von der Mitte des Schiffes aus zwei sich nach vorne überneigende Personen einen ornamen tierten, länglichen Kasten oder Sarg ins Wasser hinab. Keine der Figuren führt eine Kopfbedeckung.
Bei der Erklärung der Scene denkt der bezügliche Text an einen Vorgang aus der Legende eines Heiligen oder an die Versenkung des Nibelungenschatzes. Ersteres war auch meine Ansicht, die aber durch keine alte Urkunde so unterstützt wurde, daß alle Züge des kleinen Bildwerkes dadurch klar geworden wären und für die Bestimmung des Ganzen irgend welche Anhaltspunkte geboten hätten. Im Conversatorium über mittelalterliche Kunst verhehlte ich dies den Theilnehmern keineswegs. Da gaben zwei der akademischen Zuhörer, die bei Prof. Dr. Konrad Hofmann dahier altfranzösische Literatur cultivierten, die HH. G. Baist aus Hessen und der nachherige Prof. Jolly zu Würzburg eine überraschende und, wie mir sowie Collega Dr. Hofmann dünkt, völlig richtige, genügende Deutung nach dem uralten Roman über den Apollonius von Tyrus, der ursprünglich in griechischer Sprache verfaßt war und in alle Vulgärsprachen des Abendlandes übergieng. Prof. Dr. Hofmann hat in den Sitzungsberichten der Münchner Akademie 1871, Heft 4 darüber gehandelt und die ganze Sage als eine orientalische nachgewiesen. Das davon Hiehergehörige ist Folgendes:
Apollonius hat nach mancherlei Schicksalen die Tochter des Königs Alcistrates, der im altfranzösischen Roman Marques (Accusativ: Marcon) genannt wird, zur Gemahlin erhalten, mit welcher er auf die Nachricht von dem Tode des Königs Antiochus nach Tyrus zurückkehren will. Seine Frau heißt Oriabel und geht mit Apollonius zu Schiff. Auf der Meerfahrt gebiert sie und verfällt in Scheintod. Da der Steuermann darauf dringt, die Leiche ins Meer zu versenken, indem das Schiff keinen Todten tragen könne, wird von den Zimmerleuten des Schiffes ein Schrein gefertigt und in demselben Oriabel in die See gesenkt. Sie kömmt zu Ephesus ans Land, wird von dem Arzte Chäremon ins Leben zurückgerufen und als Tochter angenommen. Nach Jahren findet endlich Apollonius seine Gattin wieder und regiert mit ihr als König von Tyrus.
Nach dieser Erzählung erklärt sich unser Reliefbild von selbst. Der befehlende, aufrecht stehende Steuermann, und die den Schrein versenkenden Männer, sowie der am linken Ende des Schiffes in klagender Geberde sitzende junge Apollonius, — endlich die Bestimmung für das Spiel sind jetzt vollkommen klar. Die Verwendung der Erzählung für Brettsteine lag sehr nahe, da Apollonius durch Fertigkeit in verschiedenen Spielen sowie in Räthselspielen besonders berühmt war. Belangreich mag noch der Umstand sein, daß nach der altfranzösischen Bearbeitung des Romans Oriabel nicht stirbt oder scheintodt ist, sondern nach einem lebhaften Kampfe ihres Gemahls mit den Matrosen lebendig ausgesetzt wird, woraus hervorgeht, daß unser Bildwerk nicht nach dem französischen, sondern nach dem eigentlichen Apollonius-Roman gearbeitet ist, der für die französische Dichtung die Quelle gewesen.
Im 12. Jahrh. war die Apolloniussage in Deutschland bekannt und in angelsächsischer Bearbeitung verbreitet. Es ist wol nicht zu bezweifeln, daß auf anderen Steinen andere Scenen jenes Romanes vergegenwärtigt waren, und daß sich noch Exemplare davon finden werden, nachdem der Schlüssel zu ihrer Erklärung an die Hand gegeben. Schließlich erlaube ich mir, zu C. Hofmanns Abhandlung noch beizufügen, daß in dem ältesten christlichen Romane, nämlich in den Recognitionen oder Wiedererkennungen des Pseudo-Clemens aus dem 2. Jahrh. viele Züge wiederbegegnen, welche denen des Apollonius-Romanes entsprechen und dann in der sogen. Kaiserchronik fast wörtlich reproduciert sind.
Hier kann auch der Interpretation und Erläuterung gedacht werden, welche der genannte Gelehrte von einem Relief in den Sitzungsberichten der k. Akademie zu München 1871, Heft 6 gegeben hat, da das Weltliche und das Religiöse in demselben zugleich vertreten ist. Das Relief schmückt ein aus Clermont stammendes Kästchen von Walfischbein, wie die bezügliche Beischrift selbst aussagt, und befindet sich jetzt im brittischen Museum, wo es Stephens für sein großes Werk über Runendenkmäler aufgenommen hat. Hier wechseln historische und religiöse Scenen mit solchen der nordischen Sage. Man sieht Romulus und Remus, von der Wölfin gesäugt, Titus, die Stadt Jerusalem stürmend, und die Juden auf der Flucht, darauf die inschriftlich bezeichneten Mägi oder Magi, die zur Verehrung des Christkindes kommen, und endlich in mehreren Scenen die Erzählung von Wieland dem Schmied, — alles durch Runen und lateinische Beischriften illustriert. Dieses eminente Beispiel nordischer Darstellung verdient auch darum die größte Aufmerksamkeit, weil es unwidersprechlich von der Fortführung altvaterländischer Sagen mitten unter anderen und zum Theil christlichen Darstellungen Zeugniß gibt, so daß auf Grund dieses Reliefbildes die Deutung des Vorganges auf dem geschilderten Brettstein als der Nibelungendichtung zugehörig nicht absolut abzuweisen, weil für unmöglich zu erklären ist, wenn sie auch dafür durchaus nicht zutrifft. Bildliche Wiedergabe solcher Sagen existierte also, obwohl Denkmäler davon in früher Zeit bis jetzt ungemein selten sind.