Juli.
Wissenschaftliche Mittheilungen.
Kunstgeschichtliches aus Bunzlau.
Die Kreisstadt Bunzlau am Bober (Regbez. Liegnitz), welche ihrem berühmten Landsmann, dem Dichter Martin Opitz von Boberfeld, eine Bekanntschaft in weiteren Kreisen verdankt, ist nach den Angaben älterer Chronisten 1190 von Boleslaw dem Langen, Herzog von Schlesien (1163–1201), gegründet und mit Mauern, Basteien und Thürmen befestigt worden, woher der aus Boleslavec — so heißt der Ort 1251 — corrumpierte heutige Name stammt. Auf denselben Herzog wird die Anlage der nicht mehr vorhandenen Liebfrauenkirche vor dem Niederthore zurückgeführt, während ein Breslauer Kaufmann gegen Ende des 12. Jhdts. in Folge eines Gelübdes ein der h. Dorothea gewidmetes Gotteshaus auf dem erhöhten Platze gestiftet haben soll, auf dem sich die heutige kath. Pfarrkirche in honorem gloriosae virginis Mariae et St. Nicolai erhebt. Sie war ursprünglich hölzern; erst gegen Ende des 13. Jhdts. scheint man zu einem steinernen Baue geschritten zu sein, von dem sich als einziger Ueberrest das Fragment eines gekuppelten Fensters, im Thurme eingemauert, erhalten hat. Der älteste Ablaßbrief zu Gunsten dieses Werkes wurde 1298 (Juni) in Rom von den Erzbischöfen Gundislaus Galiciarum, sedis Hispaniarum primatis, frater Egidius Bituriensis, Leonhardus Aversanus etc. ausgestellt. Nach totaler Zerstörung des Gebäudes durch die Hussiten[241] schrieb Bischof Konrad, Herzog von Oels (1417–47), zu Breslau am 4. Sept. 1442 für die Neuerrichtung unter folgenden einleitenden Worten einen Ablaß aus: „cum ecclesia per insultum Thaboritarum una cum oppido funditus fuerit exusta et in suis clenodiis ad divinum cultum et ministrorum indigentiam opportunis omnimodo depopulata ..., ut statui priori restituatur.“ (Abschriften beider Briefe in der handschriftlichen Chronik des Pastors Holstenius († 1609), im Besitz des kgl. Waisenhauses.) Den langsamen Gang des Baues bezeichnen die Jahreszahlen 1482 am äußeren Chor, 1492 am ersten Stockwerk des Thurmes, welcher um 1522 bis zur Brüstung fertig geworden sein dürfte, 1516 an der südlichen Ecke des Frontispiz, 1521 am Gewölbe unter dem Orgelchore. Für den Baumeister halte ich Wendel Roßkopf von Görlitz, über welchen meine „urkundl. Beiträge zur Künstlergeschichte Schlesiens“ bei genannter Stadt zu vergleichen, und zwar auf Grund zweier neben seiner Namensinschrift stehender Steinmetzzeichen auf der von ihm errichteten Gröditzburg, die sich in Bunzlau wiederfinden. (Abgebildet in Schlesiens Vorzeit, 34 Ber., Tf. II, 21, 22). 1579 wurde dem Orgelsetzer Joh. Lange von Kamitz[242] die Renovation der Orgel in der Pfarrkirche verdingt, was den Magistrat auf 600 Symbol: Reichstaler zu stehen kam; (Hol. f. 143).[243] 610 (Juli) ist der neue Kranz auf dem Kirchthurme[244] sammt dem Wachstüblein darauf gesetzet worden von dem Steinmetzen Elias Böer. (Diese Namensform kommt übrigens auch bei einem Mitgliede der italienischen Baumeisterfamilie Bahr in Brieg vor!) (Continuatio des Hol. f. 27). 32 Jahre später wurde die Kirche bei der schwedischen Eroberung ausgebrannt; der Haupttheil blieb bis 1692 wüst liegen, wo der Italiener Julius Simonetti sie völlig wiederherstellte. Damals wurde der Bau des Schiffs laut der unter dem Orgelchor befindlichen Jahrzahl beendigt; die bürige Renovation des Gebäudes bestand in einer Erweiterung desselben nach Norden zu.[245] (Bergemann, Chronik v. Bunzlau, 1829, S. 27.) Das Andenken dieses Architekten wahrt noch die Kirche durch den Grabstein seines Töchterchens Ursula Marianna († 1692); die Mutter führte den gleichen Namen. Simonetti war (nach Bergemann, S. 430) 1721–28 Stadtvogt in Bunzlau und 1718 Stadthauptmann bei den Schützen (S. 462). Nach vollendetem Reparaturbau ließ er den Altar der Auferstehung auf seine Kosten errichten; (ebenda S. 27.) Er erbaute übrigens auch die evangelische Kirche zu Halbau bei Sagan; (A. Schultz, Schles. Kunstleben im 15. Jhrh., S. 22.) Der Hochaltar wurde laut Contract vom 17. Sept. 1723 (im Pfarr-Archiv) von dem Bildhauer Leonhard Wäber aus Schweidnitz verfertigt. Die Kosten dafür hatte der 1722 † Erzpriester Blutvogel[246] vorausbezahlt. Dem Dingzettel zufolge sollte der Künstler zu den Bildern und dem Schnitzwerk das Holz schaffen, auch die Säulen und was zur Architektur gehört einen Tischler auf eigne Kosten machen lassen, das Hauptbild aber, die h. Jungfrau, von Holz geschnitten und durch etliche Engel gen Himmel auffahrend dargestellt, oben aber in einer Gloria die h. Dreifaltigkeit nach Anzeigung des (vorgeschriebenen) Risses gemacht werden. An Statuen kamen noch hinzu Petrus, Paulus, Augustinus, Nikolaus, Laurentius, Stephanus, Wenzel und Leopold auf die untern Postamente, auf die oberen aber Fides, Spes und Charitas, Hedwig und Ludmilla. Insbesondere sollte observiert werden, daß der Altar gebogen sei und in Gestalt eines Halbmondes formiert werde etc. Dem Verfertiger wurden für solche Arbeit 600 Symbol: Reichstaler à 30 Sgr., in 5 Raten bis zu geschehener Vollendung zahlbar, ausgesetzt, außerdem ein Schock kieferne Bretter und endlich kostenfreie Translocation von Schweidnitz nach Bunzlau zugesichert. —
An der Stirnseite der Kirche ist seit einigen Jahren ein Steinbild, die Dreifaltigkeit darstellend, eingemauert worden, welches ursprünglich den Schmuck des Oberthors (zur Straße nach der Herrnhutercolonie Gnadenberg führend) bildete; es hatte die Jahrzahl 1533 und trägt in Minuskeln die Inschrift:
Si incole bene morati, pulchre opidum (!) munitum[247]. — Das vielfach renovierte Rathhaus ist in der Hauptmasse ein spätgothischer Bau aus dem Zeitraum von 1525–35, wie die Inschriften bezeugen; besondere Beachtung verdient darin das complicierte, kühn geschwungene Gewölbe des Rathskellers. Ueber dem Eingange zur ehemaligen Gerichtsstube steht der Hexameter: Jus cole, perniciosa viris iniuria res est; zwischen dem preußischen Adler und dem Stadtwappen auf der Südseite des Gebäudes das Distichon: Alarum illarum degent secura sub umbra Curia, jura, salus, gensque, Bolesla, tua. Der Thurmkranz wurde laut Inschrift 1776 unter dem Kämmerer und Bauherrn Gottlob Liebner errichtet. Die Kuppel setzte der Schieferdecker Flügel aus Harpersdorf (b. Goldberg). (Bergemann, a. a. O. S. 17.) —
Die ältesten Steinskulpturen in der Stadt finden sich am Gasthofe zu den drei Kränzen am Markte, bestehend in drei Köpfen und einem Jäger hinter zwei wilden Schweinen, welche Bilder die Tradition mannigfach gedeutet hat. So sollen die beiden Frauenköpfe ungarische Pilgerinnen vorstellen, welche 1442 auf der Wallfahrt nach Aachen in genanntem Wirthhause starben. (Bergemann, a. a. O. S. 80). Ueber das Jahr 1450 dürften diese Alterthümer sämmtlich keineswegs hinausgehen. — Von Architekturen aus der Renaissancezeit sind gegenwärtig nur noch zwei Façaden auf der Südseite des Marktes vorhanden: die 1558 von Heinrich Weißkopf angelegte Apotheke (Bergem. S. 49), welche über dem Eingang 1672 datiert ist, und das ältere anstoßende Gebäude, muthmaßlich ein altes Patrizierhaus, mit Ritterköpfen, welche aus den Zwickeln des reich skulpierten Portals herausschauen. Wahrscheinlich ist ihr Erbauer der „wälsche Maurer“ Antoni Tußkant (Toscano?), welchen die citierte Handschrift zweimal erwähnt, (f. 112 u. 43 der Continuatio). Er wohnte 1672 am Ringe in der Nähe des alten Röhrtrogs neben dem Magister Heinisch; in seinem, früher dem Franz Böer gehörigen Hause logierte 1546 der Prinz Maximilian, als er Montag nach Jubilate (17. Mai) mit seiner Mutter Anna und zwei Schwestern in Bunzlau verweilte.
In den namhaft gemachten Quellen finden sich noch folgende Notizen über ältere bildende Künstler. Die Maurerinnung soll 1499 von König Wladislaus privilegiert worden sein. Die Steinmetzenzunft bildeten 1549 N. Holstein, C. Beer, St. Namsler, N. Schuhmann, H. Lindner, M. Maywald (B. S. 66). 1563 ertrinkt der Stadtzimmermann Wenzel, als er das Niederwehr gegen den angeschwollenen Bober zu erhalten sucht; (H. f. 128). 1566 verschleppte ein Perlhefter (Paramentensticker) aus Naumburg a. d. Saale die Pest nach Bunzlau, weshalb die Seuche das Perlhefter-Sterben genannt wurde. (ebendas. f. 133). Um 1588 ließ der Magistrat zwei neue Feldstücke von dem Glockengießer Stephan Götz zu Bres lau herstellen; (ebendas. f. 153). 1614 arbeitete in Bunzlau der Maurer Mich. Gierbig; (Cont. f. 37). In demselben Jahre beginnt der Maurermeister Leonhard Muth den Kirchthurmbau in dem unweit der Stadt gelegenen Tillendorf; der Baumeister Georg Weigmann aus Sagan vollendet 1616 das Werk (B. S. 95). 1620 starb im Kretscham zu Klitschdorf (Kr. Bunzlau) der Goldschmied Hans Kestner; „denn er sich im Bier und Branntwein so vollgesoffen, daß er vom Schemmel gefallen und bald todt blieben ist. Sicut vixit, ita morixit (!)“ (Cont. f. 45). 1625 wird die Falschmünzerei des Uhrmachers David Wiehl und des Malers Elias Meyer entdeckt. Die Schuldigen entkamen; (ebendas. f. 54).
Bunzlau.
Dr. Ewald Wernicke.